Die Gemeinschaft Evangelisch Taufgesinnter

Wir teilen Erfahrungen rund um die Gemeinschaft - vom Einstieg, dem Leben darin bis zum Ausstieg.


Diese Website ist nicht aus dem Beweggrund entstanden, die Gemeinschaft Evangelisch Taufgesinnter (GET) oder Personen darin zu verunglimpfen, sondern weil Mitglieder aus dieser Glaubensgemeinschaft Feststellungen und Erfahrungen gemacht haben, die äusserst nachdenklich stimmen.
Unser Ziel ist es nicht zu entzweien, sondern um jeden Einzelnen zu ermutigen offen über seine Erfahrungen und Erlebnisse zu sprechen. Nur ein Geist der Offenheit und Ehrlichkeit kann uns zu selbstdenkenden und selbsturteilenden Nachfolgern machen um wie die Beröer, eine Gesinnung des Prüfens und Forschens zu beweisen, welches der Apostel Paulus als “edel” bezeichnete. (Apostelgeschichte 17.11)
Dazu ist es dringend nötig, auf Ungereimtheiten und falsche Ansichten hinzuweisen. Wir wollen wenn nötig im Ernst aufrütteln, in der Liebe ermahnen und das Licht auf den Leuchter stellen.

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#1 12.06.2017 17:41:24

Anita
Mitglied

Erfahrungen und Gedanken

Meine Erfahrungen mit der GET
Insgesamt war ich vielleicht ein Dutzend Mal sonntags "in der Versammlung", dies wenn ich meine Schulferien bei den Grosseltern väterlicherseits verbrachte. Meine Mutter kam aus "anderen Kreisen", mit ihr gingen wir Kinder in eine freie Gemeinde und sie lehrte uns schon früh, selber die Bibel zu lesen. Mein Vater litt jahrelang unter der unausgesprochenen Erwartung, die "Versammlung" wieder zu besuchen und dort um sein ewiges Heil zu ringen. Schliesslich fand er das Heil und den Frieden nicht "in der Versammlung", sondern beim Herrn Jesus Christus.

Was mir von jenen Sonntagen geblieben ist:
o    Die ehrfürchtige Stille im ganzen Versammlungshaus
o    Der wunderschön vierstimmige, aber unglaublich langsame Gesang mit so vielen Strophen. Manchmal musste neu angestimmt werden, damit der Bass wieder singen konnte.
o    Die innigen Gebete
o    Die Schwierigkeit, auf dem Holzboden ruhig zu knien, und die Süssigkeiten, die die Tanten uns (vorher oder anschliessend?) zusteckten.
o    Das bedächtige Bern-Hochdeutsch, in welchem geredet und gebetet wurde
o    Das heimelige "Grüess Di" sagen im Spalier den Gängen entlang
o    Das andächtige "Grüess Di Gott, liebe Brueder / liebi Schwöschter", das die Getauften untereinander verwendeten.
o    Der für mich als Kind schreckliche Milchkaffee und dass es blosse Milch meist nur für die kleineren Kinder gab. Auch den Käse zum zVieri mochte ich nicht besonders.

Bei meinen letzten Besuchen war ich schon um die 15 Jahre alt und ging bereits den Weg mit dem Herrn Jesus Christus. Was mir damals auffiel:
o    In den Betrachtungen wurde innig dazu aufgerufen, das ewige Heil zu suchen. Im Kontrast dazu schien der grösste Teil der Anwesenden völlig gleichgültig. Wie kann das sein, fragte ich mich, dass man jeden Sonntag so ernsthaft ermahnt wird, der Hölle zu entfliehen, aber keine Reaktion zeigt? Was geht in den Menschen vor, die hier sitzen??? Warum ist nur ein kleiner Teil aller Anwesenden gläubig und getauft? Mich machte das sehr traurig!
o    Vormittags und nachmittags wurden ganz verschiedene Bibeltexte aufgeschlagen und gelesen, die Auslegung dazu war aber beide Male fast die gleiche. Sie enthielt jedesmal die Ermahnung, nicht hinzugehen, wenn jemand sagt "Hier ist Christus, da ist Christus", also eine Warnung, dass man ausserhalb der "Versammlung" nur verführt werden kann. Ich begann den Konflikt meines Vaters zu verstehen, der dies seit seiner Kindheit immer wieder gehört hatte und nun doch in Gemeinschaft mit anderen echten Christen gekommen war.
o    Der Weg zur Errettung wurde nie wirklich dargelegt. Mir war nie klar, was denn diejenigen genau tun sollten, die diesen Weg überhaupt suchten. Ich erinnere mich noch gut an einen meiner Onkel. Er war immer ganz ernst und nahm alles äusserst genau. Ich dachte, dass er wohl das Heil suche und ganz gewissenhaft Busse tun wolle. Wie tragisch, dass er über 30 Jahre später immer noch nicht in die Gemeinschaft aufgenommen worden ist! Eine andere meiner Tanten hingegen hat es "geschafft", sie bekannte, das Heil erfasst zu haben und wurde getauft. Leider hat sie nie darüber geredet, WIE sie den Frieden gefunden hat. Über das Wort Gottes und das Heil in Jesus Christus zu reden scheint in der "Versammlung" unüblich oder gar unerwünscht zu sein.

Mein Mann ist römisch-katholisch erzogen worden, im Alter von 20 Jahren kam er mit den Mormonen in Kontakt. Weil beide Kirchen behaupten, die einzige zu sein, in der man das Heil finden kann, wurde er unsicher. Beide konnten nicht recht haben. Hätte er damals "die Versammlung" gekannt, wären es schon drei "einzig richtige" Gruppen gewesen. Von unbekannten Christen erhielt er damals eine Bibel. Diese wurde nun zu seinem Massstab und darin erkannte er auch Jesus Christus als den einzigen Erlöser, den einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen (1.Tim 2,4). Nur in Seinem Namen ist das Heil (Apg 4,12).
Diesen gleichen Glauben entdeckte mein Mann auch bei vielen anderen Menschen, die aus verschiedenen Hintergründen heraus die Bibel als die einzige Wahrheit erkannten. Speziell deutlich wird dies in einem Buch, in dem 50 ehemalige römisch-katholische Priester bezeugen, wie sie nach intensivem Prüfen und nach hartem innerem Ringen den wahren biblischen Glauben an Jesus Christus fanden. Einige verliessen daraufhin ihr Amt und ihre Kirche von sich aus, andere wurden ausgeschlossen. Das Austreten war bei allen mit viel Schmerz verbunden, nicht wenige verloren dadurch ihre ganze Verwandtschaft. Aber grösser als der Schmerz war ihre Freude, Jesus gefunden zu haben. Auf deutsch heisst dieses ermutigende Buch "Von Rom zu Christus" (2 Bände, Verlag CLKV).

Gemeinschaften wie die "Versammlung", aber auch die in vielem ähnlichen Hutterer, Mennoniten und Amish, lösen bei mir bis heute eine gewisse Bewunderung aus. Alle wurden sie in ihrer Gründungszeit um des Glaubens willen verfolgt, meistens wegen der Überzeugung, dass nur getauft werden soll, wer den Glauben an den einen Retter, Jesus Christus persönlich bezeugen kann. Ich teile diese Gewissheit und sehe mich daher in der Reihe jener Glaubensgeschwister, die den Mut hatten, aus denjenigen Kirchen hinauszugehen, welche nicht nach der Heiligen Schrift glaubten und lebten.

Beitrag geändert von Anita (12.06.2017 22:47:44)

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#2 09.07.2017 20:56:47

Rolf Klaus
Mitglied

Re: Erfahrungen und Gedanken

Danke für diesen guten Bericht. Ich habe vieles ähnlich erlebt.
Letztes Jahr als meine Mutter gestorben ist, war ich nach ca. 30 Jahren wieder einmal in der GET, aufgrund der Abdankung. Ich empfand das religiöse Getue  einfach nur schlimm. Die selbstproduzierte Demut war widerlich und unecht.

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#3 02.09.2017 19:50:20

Anita
Mitglied

Re: Erfahrungen und Gedanken

Lieber Rolf Klaus, ich habe die GET Versammlungen nie als religiöses Getue erlebt. Meine Verwandten sind aufrichtig überzeugt, am (einzig) richtigen Ort zu sein. Mir kommen sie vor wie die Juden, von denen Paulus in Römer 10,2 sagt: "Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, daß sie eifern um Gott, aber mit Unverstand. Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und trachten, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind also der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht untertan". Ich zweifle nicht an ihrer Aufrichtigkeit, aber ich bin tief traurig über ihre Blindheit für das Evangelium der Errettung durch den Glauben an Jesus Christus allein. Stattdessen meinen sie, mit ihren eigenen Busswerken die Anerkennung der Ältesten erlangen zu müssen, welche allein über die Aufnahme bestimmen.
Von mehreren "Freunden" der Versammlung  habe ich gehört, dass niemand wirklich wisse, was er genau tun müsste, oder wie tiefe Busse es genau brauche, um das Ziel zu erreichen. Muss man vielleicht einfach warten und hoffen, dass Gott eines Tages "die richtige Busse" schenkt?
Es ist tragischerweise die Heilsbotschaft selbst, die in der Versammlung verdunkelt ist; das "Licht des Evangeliums" kann jedoch von jedem gefunden werden, der in Gottes Wort danach sucht. Leider wird in der GET vorwiegend so die Bibel gelesen, dass man sie jedesmal an einem zufälligen Ort aufschlägt. Die von Gott inspirierten Zusammenhänge, die Fülle seiner Gedanken, kann man so aber nicht erkennen, geschweige denn verstehen und im Glauben annehmen! Gott fürchten heisst auch, dass ich ALLES lese und ernstnehme, was Er uns in seinem Wort offenbart hat!

Beitrag geändert von Anita (03.09.2017 15:04:01)

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#4 08.09.2017 16:03:06

Klaus Humbert
Mitglied

Re: Erfahrungen und Gedanken

Liebe Anita

Dein Beitrag vom 2.9.17: "Ich sehe das auch so. Möglicherweise eine Folge des ca 180 jährigen Alleinganges."

Klaus Humbert

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