Die Gemeinschaft Evangelisch Taufgesinnter

Wir teilen Erfahrungen rund um die Gemeinschaft - vom Einstieg, dem Leben darin bis zum Ausstieg.


Diese Website ist nicht aus dem Beweggrund entstanden, die Gemeinschaft Evangelisch Taufgesinnter (GET) oder Personen darin zu verunglimpfen, sondern weil Mitglieder aus dieser Glaubensgemeinschaft Feststellungen und Erfahrungen gemacht haben, die äusserst nachdenklich stimmen.
Unser Ziel ist es nicht zu entzweien, sondern um jeden Einzelnen zu ermutigen offen über seine Erfahrungen und Erlebnisse zu sprechen. Nur ein Geist der Offenheit und Ehrlichkeit kann uns zu selbstdenkenden und selbsturteilenden Nachfolgern machen um wie die Beröer, eine Gesinnung des Prüfens und Forschens zu beweisen, welches der Apostel Paulus als “edel” bezeichnete. (Apostelgeschichte 17.11)
Dazu ist es dringend nötig, auf Ungereimtheiten und falsche Ansichten hinzuweisen. Wir wollen wenn nötig im Ernst aufrütteln, in der Liebe ermahnen und das Licht auf den Leuchter stellen.

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#1 26.06.2015 09:48:46

JüngsterÄltester
Mitglied

Einhalten von Menschengeboten

Nebst dem Einhalten des Gesetzes wird von Taufwilligen auch gefordert, dass Sie Menschengeboten unbedingten Gehorsam leisten.

Doch was sagt die heilige Schrift dazu?

"...aber vergeblich dienen sie mir, dieweil sie lehren solche Lehren, die nichts denn Menschengebote sind." (Matthäus 15.9)

Aus dem alten Testament:
"Ihr sollt nichts dazutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun, auf daß ihr bewahren möget die Gebote des HERRN, eures Gottes, die ich euch gebiete." (5. Mose 4.2)

"Tue nichts zu seinen Worten, daß er dich nicht strafe und werdest lügenhaft erfunden. (Sprüche 30.6)

Aus dem neuen Testament:
"Ich bezeuge allen, die da hören die Worte der Weissagung in diesem Buch: So jemand dazusetzt, so wird Gott zusetzen auf ihn die Plagen, die in diesem Buch geschrieben stehen." (Offenbarung 22. 18)


Es wird versucht, die Menschengebote zu rechtfertigen, indem von den Ältesten gesagt wird, es seien "nur gut gemeinte Ratschläge".

War denn die Satzung der Pharisäer, dass vor dem Essen die Hände gewaschen werden sollen, nicht auch gut gemeint? Insbesondere wenn man die damaligen hygienischen Zustände und Krankheiten betrachtet?

Wieso müssen denn die Vergehen gegen solche "gut gemeinten Ratschläge" auf den Sündenlisten aufgeführt werden?

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#2 27.02.2017 18:28:52

Newcomer
Mitglied

Re: Einhalten von Menschengeboten

Zum Thema "Menschengebote" findet man auch etliche Ausführungen von Samuel Heinrich Fröhlich, welche er in seiner Hauptschrift "Die Errettung des Menschen durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes, 1847" aufgeführt hat.

Er führte die Argumente zwar damals gegen die Kirche an (Insbesondere wegen der Beichte und der Kindertaufe). Wenn man aber die Menschengebote der heutigen GET (Rasierpflicht, Kleidervorschriften, Verbot von Besuchen im Ausland, etc.) im Licht dieser Schrift von Samuel Heinrich Fröhlich betrachtet, ergibt sich doch ein sehr deutliches Bild:

Seite 1
Quelle: Samuel Heinrich Fröhlich "Die Errettung des Menschen durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes" Zürich: Zürcher und Furrer, 1847

Seite 2
Quelle: Samuel Heinrich Fröhlich "Die Errettung des Menschen durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes" Zürich: Zürcher und Furrer, 1847

Zitat Seite 4: "Darum ist`s vonnöten, wider solch harte Gewohnheit und eingewurzelten Irrtum mit stark streitenden und durchschneidenden Sprüchen der Schrift versuchen, ob wir sie mögen vom Plan schlagen, und anzeigen ihr ungegründetes Vornehmen und unbillige Tyrannei, dass wir wiederum lehren und erkennen, was Gott nicht geboten hat, zu meiden sei, wie des Teufels Gift, es hab`s Papst oder Bischof, Engel oder teufel gesetzt".

Zitat Seite 5: "...denn was er nicht hat befohlen, geraten noch geboten, soll niemand gebieten noch fordern."

Seite 3
Quelle: Samuel Heinrich Fröhlich "Die Errettung des Menschen durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes" Zürich: Zürcher und Furrer, 1847

Zitat Seite 6: "Nun siehe du zu, so St. Paulus nicht konnte leiden, dass Mosis Gesetz, welches doch von Gott gegeben war bis auf Christi Zeit, würde neben dem Evangelium gepredigt, sondern vermaledeiet so hoch auch sich selbst und alle Engel vom Himmel, wo sie Zusatz lehrten: was würde er sagen zu den Papst`s und anderer Menschen Gesetz, welche Gott noch nie geboten hat?"

Zitat Seite 7: "Zum andern geschieht das Unglück, das auch aus allen anderen Menschen Geboten gefolget; der sind drei: das erste ist ein falsches böses Gewissen; das andere ein falsches gutes Gewissen; das dritte Abgötterei."

Seite 4
Quelle: Samuel Heinrich Fröhlich "Die Errettung des Menschen durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes" Zürich: Zürcher und Furrer, 1847

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#3 04.05.2017 21:39:09

Insider
Mitglied

Re: Einhalten von Menschengeboten

Diese „gut gemeinten Ratschläge“ der Ältesten, von welchen in den obigen Beiträgen die Rede ist, beschäftigten mich immer wieder. So begann ich in der Bibel danach zu forschen, was darüber steht. Zunächst einmal fand ich nirgends einen ausdrücklichen Hinweis, dass man es miteinander „gut meinen“ soll. Der Grund ist einfach: Wenn wir es einfach gut meinen miteinander, tönt das zwar edel, aber widerspricht den Gedanken Gottes. In der Nachfolge Jesu Christi ist nicht unsere Meinung gefragt, und sei sie nach menschlichem Ermessen noch so gut, sondern einzig und allein Gottes Willen! Daher kommt der so oft deprimiert ausgesprochene Satz „Ich habe es doch nur gut gemeint!“

Hier ein paar Beispiele, wo es Personen in der Bibel doch wohl gut meinten:

1. Chronik 13
Hier wird uns gezeigt, wie Gott David und ganz Israel in den Weg trat, als sie die Bundeslade nach Jerusalem bringen wollten. In Vers 7 heisst es, dass sie einen neuen Wagen für den Transport benutzten. Bald darauf geschah das Unglück, dass die Rinder ausschritten und Usa die Lade halten wollte. Bis vor kurzem verstand ich nicht, warum Gott den Usa dafür bestrafte, (er musste deswegen sterben) er hatte es doch wirklich nur gut gemeint! Erst kürzlich erkannte ich, dass es eben nicht nach Gottes Willen war, die Bundeslade in einem Wagen (auch nicht in einem neuen!) zu befördern. David hat sich leider, wie wir am Anfang des Kapitels lesen können, nur mit Menschen beraten. Erst im zweiten Anlauf, die Bundeslade nach Jerusalem zu bringen, besann David sich und gehorchte Gott, indem er die Leviten die Lade tragen liess. (Kapitel 15) Er erinnerte sich an das, was dem Volk Gottes in dieser Sache verordnet war, siehe 4. Mose, ganzes Kapitel 4.

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1. Samuel 15, 1 - 22
Saul wollte die Beute nicht umbringen, wie ihm befohlen war, sondern Gott zum Opfer bringen - auch da, er (resp. das Volk) meinte es doch eigentlich gut. Allerdings fällt auch auf, dass Saul sich vor dem Volk fürchtete, und sich nicht wagte durchzusetzen. Da hiess es zu ihm „Gehorsam ist besser denn Opfer“
(Sind nicht auch das Einhalten der gut gemeinten Ratschläge der Ältesten, das Befolgen der vielen zusätzlichen Regeln und Verbote eine Art Opfer, mit welcher wir Gott zu gefallen versuchen?)

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2. Mose 2, 11 - 22
Mose hatte das Verlangen den Israeliten, seinen Brüdern, zu zeigen, dass er ihnen helfen wollte und erschlug den Ägypter. War diese Tat nicht auch gut gemeint? Es folgten darauf 40 Jahre bei Jethro, wo er lernen musste, dass er selber NIEMAND ist. Erst dann war er innerlich darauf vorbereitet, das Volk Israel aus Ägypten heraus und durch die Wüste zu führen. Dort lernte er 40 Jahre lang, dass der Herr ALLES ist!

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Matthäus 16, 22-23
Als Jesus den Jüngern Sein Leiden ankündigte, erwiderte Petrus: „Herr, schone dein selbst; das widerfahre dir nur nicht!“ Wir fühlen deutlich, dass es Petrus mit Sicherheit gut meinte, mit seiner Reaktion. Er liebte den Herrn von ganzem Herzen, und gönnte ihm als letztes ein solches Leiden. Es war ein „gut gemeinter Ratschlag“ par excellence. Die Antwort des Herrn ist gewaltig: „Hebe dich, Satan, von mir! Du bist mir ärgerlich; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“

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Was anders als gut gemeint war es, als Petrus des Hohenpriesters Knecht‘s Ohr abhieb? Aber es war nicht Gottes Willen! Petrus musste zum wiederholten Mal lernen, dass einzig des Herrn Wille gilt. (Johannes, 10 - 11) Müssen nicht auch wir dies immer wieder neu lernen?

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Wird aus diesen Beispielen nicht klar, dass auch auf jeglichen Menschengeboten, und seien sie noch so gut gemeint, kein Segen liegen kann?

Im Philipperbrief finden wir von der guten Meinung (Kapitel 1,15).
Doch wird aus dem Kontext klar, dass damit die Übereinstimmung mit Gottes Wort gemeint war - und nicht eine eigene gute Meinung.

(Nur nebenbei bemerkt: Im Vers direkt vorher heisst es „...das Wort zu reden ohne Scheu.“ Finden wir das auch in der GET? 
Und: In Vers 16 und 17 finden wir die Gegensätze „eine Trübsal zuwenden“ versus „Predigen aus Liebe“. Was trifft in der GET eher zu? Was kommt in den Betrachtungen eher vor: die Trübsal, die Plage, der strenge Kampf  -  oder die Liebe? Was strahlen die Gesichter der Brüder eher aus?)

Ja, die Ältesten der GET meinen es gut mit dem Mitgliedern und den Freunden (den Ungläubigen innerhalb der GET), das glaube ich fest! Es bleibt die ernste Frage: Reicht das?


Dies meine Gedanken dazu. Keineswegs glaube ich, da völlige Erkenntnis zu haben. Davon lasse ich mich aber nicht hindern, hier frei zu schreiben. Haben wir nicht alle, und seien wir noch so lange schon auf dem Glaubensweg, noch dazuzulernen? Mit meinen Zeilen möchte ich vor allem Eines: Zur Wachsamkeit aufrufen! Und wie können wir wachsamer werden? Indem wir viel und mit Verlangen in der Bibel lesen! Nur sie kann wahre „Leuchte unseren Füssen“ sein (Psalm 119,105). Einen besseren Kompass gibt es nicht; er ist vollkommen. Wenn wir dies unter aufrichtigem Gebet tun, dürfen wir Gottes gütige Führung täglich, ja, stündlich erleben!

„Ein Wohlstand ohnegleichen ist eines Christen Stand...“   Halleluja!   Gott ist treu!   Wie haben wir es doch so gut!

Beitrag geändert von Insider (05.05.2017 10:42:05)

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#4 07.05.2017 13:09:29

Rosmarie Stucki
Mitglied

Re: Einhalten von Menschengeboten

Ich nehme den letzten Beitrag zum Anlass, das Thema aus einer zugegebenermassen kontroversen Ecke auszuleuchten.

Der Christ orientiert sich an der Bibel. Die heilige Schrift steckt den Rahmen seiner Religion ab. Nicht das Gegenteil ist der Fall, dies führte den Glauben ad absurdum. Möchte man meinen.

Obwohl immer wieder suggeriert wird, die Bibel als Richtschnur biete der Menschheit unfehlbare Orientierungshilfe für das gottgefällige Leben, denken in der Regel die meisten dabei doch an sich selber. Divergierender Lesart spricht man schnell einmal die Ernsthaftigkeit ab, wenn man sie nicht nachgerade der Verblendung bezichtigt. Jedenfalls scheint Scheinheiligkeit immer nur bei den anderen vorzukommen.

Wir sehen uns mit einem Sammelsurium an Auslegungen konfrontiert, die unterschiedlicher und oftmals widersprüchlicher nicht ausfallen könnten. Verbindend wirkt einzig der sprachlich ähnlich gelagerte Ausdruck und die über weite Strecken identisch anmutende Wortwahl, wie sie erwecklichen Kreisen zu eigen sind. Gleichzeitig nimmt man immer wieder erstaunt bis verdattert zur Kenntnis, mit welcher Selbstverständlichkeit verschiedene Protagonisten ihren Anspruch auf die Deutungshoheit anmelden.

Nimm es mir nicht übel, lieber Insider, ich reibe mir einmal mehr verwundert die Augen, wenn ich so lese, wie die GET ihrer angeblichen Irrungen überführt werden soll.

Wer seine Eingebung als gottgewirkt begreift, macht es sich mit einer anderslautenden Einsicht naturgemäss schwer. In dieser Logik muss sie mindestens ansatzweise fehlgeleitet sein. Beim wahr- und wehrhaften Gläubigen stehen so die Fahnen automatisch auf Sturm: Der Wolf setzt bekanntlich nicht nur auf offene Konfrontation, sondern er verführt unbedarfte Schafe durch die Bedienung vordergründig plausibler Irrlehren. Sind sie erst entlarvt, ist es zu spät, das Schlamassel schon angerichtet. Je stichhaltiger ein Argument, umso mehr ist Vorsicht geboten, denn gerade der einleuchtende Gedanke macht die durchtriebene Schläue des Feindes aus. Klar, dass sich der Gläubige im geistigen Bollwerk verschanzt. Man holt sich die Bestätigung über die Vertikale, sprich bei der übergestellten Instanz, und verschmäht aus Sicherheitsbedenken die geistigen Brosamen von ennet der heimischen Weide.

Nehmen wir zweitens die Bibel. Mit den zehn Geboten oder der Bergpredigt sind eigentliche Schwerpunkte des christlichen Selbstverständnisses gelegt. Wie hinterhältig gesinnt muss sein, wer noch Fragen oder Zweifel anzubringen wagt. Insider weist nun darauf hin, wie der liebe Gott anordnet, die Heiden mit des Schwertes Schärfe zu erwürgen einschliesslich der Frauen und Kinder bitteschön und übrigens (warum auch nicht?) gleich auch noch das Vieh.

Milde ausgedrückt, da ist der Laie baff und möchte nachhaken, wie das nun sei mit dem Verbot des Tötens oder wenigstens dem Gebot der Nächstenliebe? Es bedarf einiger Kreativität, im Völkermord die Liebe oder meinetwegen Allmacht Gottes zu lesen, steht dergleichen Barbarei doch in krassem Gegensatz zu jeglichem nachvollziehbaren Gerechtigkeitsempfinden. Ja, ich höre den Einwand, es handle sich um das alte Testament. Im neuen Testament geht es zwar weniger brachial zu, die Liste der Widersprüche lässt sich aber auch da fast beliebig fortsetzen.

Und weil dem so ist, forschen mit Insider Heerscharen von besorgten Christen in der Schrift und leiten so unterschiedliche Verbindlichkeiten ab, dass einem Hören und Sehen vergeht ob Gottes eindeutig mehrdeutigem Willen - siehe oben. Der geneigte Leser begreift, hier schliesst sich der Kreis.

An den unergründlichen Wegen des Herrn und meiner Beschränktheit verzweifelnd appelliere ich an die Demut aller berufener und selbsternannter Gottesdeuter, die Latte hoch, also ganz weit oben, anzusetzen.

Man wünscht sie sich ja, die freimachende Wahrheit. Ich bin mir einfach nicht sicher, wessen. Vielleicht ist sie gewollt so viel vager, als uns Möchtegern-Scharfmachern genehm ist. Sie will möglicherweise nicht Knüppel in den Händen Rechtschaffener zur Besserung der Uneinsichtigen sein, und sie ist so unaufgeregt, dass sie ganz ohne Ausrufezeichen auskommt, so weit und frei, dass sich die verlorene Seele liebend gern noch ganz in ihr verliere.

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#5 07.05.2017 15:19:58

GET-Wissensinteressierter
Mitglied

Re: Einhalten von Menschengeboten

Hallo,

ich kann mich dem anschließen.
Ein Christ möchte und will die Wahrheit dort finden, wo er sie in sich zu finden meint, d.h. dann auch, er möchte an die Heilige Schrift glauben und dort drin die Wahrheit finden. Dass es aus anderer Sichtweise durchaus Alternativen gibt, will er letztlich nicht zur Kenntnis nehmen...es geht an den Kern des Glaubens, denn wo ein Teil der Schrift als ad asurdum geführt wird, so gerät das ganze langsam in Gefahr....auf jeden Fall denkt ein Christ in dieser Schiene und befürchtet dies.

Die Aufklärung hat eben nicht nur zur Kritik am Glauben geführt, sie hat ihm ein gutes Fundament entzogen, nämlich die Glaubwürdigkeit.
Dies ist im Übrigen auch ein Problem der Theologie heutzutage, die soweit ist, den Urtext soweit zu analysieren, dass ihm in vielen Bereichen Gültigkeit genommen wird...so heißt es längst nicht mehr in historisch-kritischer Exegese, dass das Wort inspiriert sei, weil es zu viele Widersprüche enthält, sondern man behilft sich mit dem Konstrukt, dass Gotteswort im Menschenwort des Textes versteckt sei und nicht mehr gut zu trennen davon. Das ist letztlich inkonsoquent, will aber den Glauben, den man schon bis in die Tiefe analysiert und letztlich angreifbar gemacht hat(durch die textlichen Widersprüche, die man entdeckte und worüber man sich Fragen zu stellen erlaubte, nicht sich verbot), retten. Man ist nur einen Schritt davor zu sagen, alles sei Menschenwort. So behilft man sich mit dem versteckten Gotteswort in der Fülle des Menschenwortes.
In anderen Kreisen, die sich der historisch-kritischen Herangehensweise kämpft man theologisch wohl noch stärker damit, die Widersprüche letztlich doch schwach zurechtzubügeln, damit das Ganze weiterhin Gültigkeit behält....letzlich über Gedankenverbote.

Es gibt durchaus histor.-krit. Theologen, die z.B. den Heerbann im Alten Testament, bei dem es sich um Völkermord handelte, den Gott wollte, weil Israel das Land Kanaan einnehmen sollte, wobei Kinder getötet wurde, angreifen und kritisieren. Aus Gläubigenkreisen wird bei solchen Fragen entgegnet, dass man die Kinder auch töten musste, weil sie dereinst mal ihre ermordeten Eltern rächen könnten...Oh man, mir graut davor, dass solches Gedankengut wirklich noch herrscht und verteidigt wird, geradezu im Angesicht genozidaler Exzesse in der Menschheit wie den Holokaust usw. Wenn man das überträgt, dann würde jeder Völkermord heute gutzureden sein.
Ob es nun angeblich gottgewollter Völkermord war oder ideologischer wie der Nationalsozialismus, beide Seiten berufen sich darauf, dass etwas geschehen musste, gut war und das Gute später überleben würde oder eine bessere Gesellschaft käme. Dass man dabei über Leichen ging, Unrecht beging usw., überschaut man schnell....beim Nationalsozialismus ist dies gesellschaftlich eingängig, nur eben in Glaubensfragen wird gerne gemieden, direkt die gleichen Fragen zu erlauben.
Wer wirklich solche Texte mal betrachtet, der müsste doch ebenso angewidert sein vom alttestamentlichen Völkermord auf Gottes Geheiß wie aus nationalsozialistischen Kreisen. Es hapert aber beim Ersteren in Gläubigenkreisen, es ist ja auch peinlich.

Gerd Lüdemann, ein ehem. ev. Theologe hat einst in seiner Spätphase einiges geschrieben, z.B. "Das Unheilige in der Heiligen Schrift" usw. Selbst in den Kreisen, die die Gläubigkeit an den Text schon stark zerstört hatten, waren seine Fragen dann letztlich zu weit gehend, sie gingen an den Kern des Glaubenkönnens.
Es hilft aber nichts, man muss diese Fragen erlauben, sich damit beschäftigen, sei es auch um Unsicherheit im eigenen Glauben.

Letztlich suchen sich alle Menschen ihren Teil auch aus der Heiligen Schrift heraus, der ihnen passt. Wer mit Frauenrechten und Gleichberechtigung nicht klar kommt, betont deren Untertanensein, wer mit Laschheit in der Gemeindedisziplin nicht klarkommt, betont Zuchtmeistertum, wer gerade sich nicht viel sagen lassen will, betont die Freiheit des Willens, das Gebundensein nur unter Gott statt unter irgendeinem Priesterersatz usw.. Und dazu gibt es auch die passenden Stellen.

Die konservative Position hat es m.E. leichter, weil viel Liberales in den Heiligen Schriften nicht gefunden werden kann, sie vermeidet aber sich dann den Fragen, die berechtigt gestellt werden können, z.B. an das Christentum im Zusammenleben mit Ungläubigen, dem Wissen, der klammheimlichen Freude, dass Ungläubige in der Hölle schmoren, man selbst dies aber nicht so gerne ausdrücken will, um nicht zu intolerant zu gelten. Sie vermeidet auch das Diskutieren über Widersprüche oder Alltagsbezüge zu heute.

Ich nehme mal die Regelungen bei Scheidungen in der Bibel: Da durfte ein männlicher Jude noch einen Scheidebrief ausstellen(die Frau wohl nicht!), Jesus verbot dies und erlaubt nur bei Ehebruch die Scheidung, die schon durch Gucken bestimmt wäre (im Herzen die Ehe gebrochen). Er meint wohl zuallererst aber die Tat, wenn er die Scheidung erlaubt, an anderer Stelle verbietet er das Steinigen der Ehebrecherin und sagt ihr, sie solle nicht mehr sündigen, sie solle nach Hause gehen(sicherlich nicht um sich scheiden zu lassen, der Mann solle wohl verzeihen, sonst würde die Passage ja doch ein schlechtes Ende haben. Wir erfahren nur nichts darüber). Und dann ist wohl das Neuverheiraten auch nicht erlaubt, so lange der Ehepartner lebt.
Alles mal zusammengenommen, ist dies nicht tauglich heutzutage, sondern war wohl immer ein Problem:

a) Menschen sind gezwungen ab Eheschluss beieinander zu bleiben(sie wollen es anfangs auch, aber dies kann sich wandeln), irgendeinen Passus, der bei schlimmster Ehehölle es erlauben würde, sich zu trennen liest man nirgends, doch solche Zustände gab es immer...die Eheberatungen berichten z.B., dass Frauen sehr viel länger in schlimmsten Ehen leiden und ausharren, ja sich selbst die Schuld oft geben, während Männer wohl zusehends aggressiv werden..und das sind nur Berichte aus eher ungläubigen oder glaubensfernen Kreisen.
Die Bibel hat darauf keinerlei Antwort..sie ist einfach in dieser Hinsicht weltfern.
Warum sollte der erste Mann oder die erste Frau z.B. kein Fehlgriff gewesen sein und das Glück beim/bei der zweiten... gefunden werden...die Bibel findet dazu keine Antwort. Stattdessen würde eher das spätere Glück durch das Gebundensein an das erste Jawort verhindert. Es scheint eher, dass man biblisch Trennung verhindern will, nur keine Antwort gibt, was mit dem Menschen dann wäre, wenn das Zusammenleben der Horror ist.

b) Eheschluss bleibt dann ein "gefährlicher Akt", weil mit dem Akt der Trauung ist das Gezwungensein, sich nicht zu scheiden, Maßstab aller Dinge....Man heiratet also mit 20++ und damit ist das Leben gelaufen? In Kreisen der Nichtgläubigkeit ist Scheidung eine Alternative, die leider, zugegeben, durchaus oft kalkuliert eingeplant ist(aber das ist ein anderes Problem) oder zu schnell geschieht, doch in Gläubigenkreisen ist dies noch immer mit Makel verbunden...mit Selbstvorwürfen, mit Angst vorm Übertreten eines Gottesgebotes usw. Die Bibel enthält keinerlei tiefsinnige Betrachtung dazu, wie mit all den Problemen des Zusammenlebens umgegangen werden soll..eher scheint es, man hat schon damals verkannt, wie Menschen immer schon waren und empfanden.

c) Komponenten, dass mit Eheschluss Sexualakte endlich erlaubt sind, vorher alles Sünde war und ist, werden außer Acht gelassen...Dass Trieb auch ein starker Faktor ist, endlich zu heiraten, wenn man in enorm konservativen Kreisen aufgewachsen ist, wird nicht angesprochen...Vor der angeblichen geistigen und unter Gebet stattfindenden Partnersuche möchte ich mal den Realitätsbezug entgegenstellen, warum dies so markant in jungen Jahren geschieht. Sexualität ist aber sowieso ein doch eher mit Schmutzigkeit behafteter Faktor in christlichen Kreisen. Dass seelisches Ausgeglichensein und Eheglueck auch mit gesunder Sexualität in der Ehe zu tun hat, bleibt unangesprochen...der Ehepartner muss eben nicht der beste Partner im Sexuellen sein, man erfaehrt es erst (sofern man keine "Sünde" vorher beging,) nach dem Eheschluss und damit muss man dann leben...eigentlich hat man auch keine Vergleiche, wie es wirklich sei mit ihm/ihr, nachdem man geheiratet hat(vorher dürfte nichts geschehen, würde auch geheim gehalten..). Die Antworten aus christlichen Kreisen, der Sexualbezug solle nicht so stark sein, hört man zuweilen, aber man kann den Menschen nicht davon trennen, was in ihm wächst und Erfüllung sucht. Das wäre wieder irreal. Der Mensch bleibt ein sexuelles Wesen.

d) Ehebruch kann auch durch solche unglücklichen Zustände eher gefördert werden(ich will sie nicht rechtfertigen, nur, wenn man nicht sich trennen darf, dann wächst auch der Frust), sowieso wird im ganzen biblischen Bereich wenig eingegangen auf verändernde Gefühlswelten...wo wird wirklich tiefsinnig sich beschäftigt, dass die Ehepartnerin, die man jung heiratete, ewig die beste Wahl sein müsse....genauso wie der Mann. Gefühle wandeln sich, Menschen können durchaus auch Beziehungen haben, die nur eine bestimmte Dauer haben, nicht auf die nächsten fünfzig Jahre festgelegt sind. Ich nehme an, man arrangiert sich einfach in konservativen Kreisen damit, dass es nun so ist. Und muss sich einreden, dass es so gewollt sei..und darf natuerlich auch nicht seitwärts gucken.

e) Ehepartnerwahl soll in den eigenen Kreisen stattfinden, was einerseits naheliegt, weil "gleich und gleich gesellt sich gern", hat oftmals auch eher Gemeinsames, doch logisch betrachtet, warum sollte in einer sehr kleinen Personengruppe genau die Person vorhanden sein, die wirklich am besten zu einem passt? Je kleiner der Personenkreis der möglichen und erlaubten Partnerauswahl, umso unwahrscheinlicher ist dies. Hier werden wohl eher viele Kompromisse geschlossen, die darauf bauen, dass der andere kein schlechter Mensch sei, irgendwie nett und adrett..nur die große Liebe, die wird es wohl je weniger sein, umso weniger Auswahl man hat...es liegt logisch der Schluss nahe, je weniger Auswahl man hat, umso eher könnte auch Frust später entstehen, weil man heiratete, um nicht alleine zu bleiben....
Die Sonderlage, dass in Neutäuferkreisen der Mann vorgeht und diese Arrangiererei stattfindet über Gebet, Älteste usw.. die lasse ich mal außer Acht. Sie ist nicht der normale Gang in der Welt.
Der Mensch, auch der gläubigste, ist zuallererst ein sexuelles Wesen, nicht etwas heiliges. Er wird es nie werden, er bleibt es sein Leben lang: Ein amerikanischer Autor aus den Apostolic Christian-Kreisen schrieb dazu(gerade im Hinblick auf diese hanebüchenen Vermittlungswege), dass eben markant viele eher unscheinbare Männer sich seltsamerweise viel zu oft die schönen Mitschwestern aussuchten, die ihnen angeblich im Gebet im Sinn kamen...(Warum kann im Übrigen denn keine Frau auch mal so einen Vorschlag bekommen, und dann den Mann in die Lage bringen, Ja sagen zu müssen?) Für mich ergibt sich einfach der Schluss: ein Mann will ein schönes Mädchen haben, guckt herum in seinen Kreisen, es lüstert ihn bisschen nach bestimmten Frauen und er denkt, ja die wäre nicht schlecht, die sieht noch gut aus... und mithilfe des dazu dienenden Gebets erhält er genau den Vorschlag, den er sowieso schon in sich nach ästhetischen Maßstäben getroffen hatte....was soll das Mädel dann noch sagen, wenn alles angeblich im Gebet schon gottgewollt bestimmt ist? Oder um es direkt zu sagen: Man missbraucht ein Gebet, wahrscheinlich spricht man nicht mal eines, sondern luegt das einfach so dahin. Es kann doch wohl nicht sein, dass nur die schönen Frauen angeblich auch charakterlich zu diesen Männern passen..Und die Unscheinbaren bleiben eher ledig....da stimmt etwas generell nicht.
Allerdings findet dieses Prozedere wohl momentan selten statt, da nicht genug junge Leute sich taufen lassen und dann unter diesen Zwangsverhältnissen ihre Ehepartner finden muessen, die meisten heiraten wohl als Freunde und haben dann damit zu kämpfen, dass sie ungetauft heirateten. Da wurde ihnen dann ein schlechtes Gewissen eingepredigt, obwohl alles rein ablief.

Es gäbe noch viel zu sagen, aber allein dieser biblische Passus, der versucht, das Zusammenleben zu regeln, hat mit der Realität der Menschen wenig zu tun. Und so geht es an vielen Stellen weiter.

So z.B. hinsichtlich Intoleranz gegenüber allen möglichen anderen Religionen, ohne einen Beweis zu liefern, dass die eigene Religion stimme(man hat dies schlau geregelt, indem man kritisiert, wer nur mit Beweisen glaube, sei nicht richtig gläubig..nur Gott bleibt seit jeher Beweise schuldig....das beste Beispiel ist das ungehörte Schreien von sechs Millionen Juden in KZs usw., die muss doch ein allwissender Gott gehört haben und hat nichts für sie getan...Wie laut sollten sie noch schreien?)...oder eben die mangelnde Toleranz gegenüber Lebensformen oder Ansichten(angefangen von der Frau, die sich scheiden lässt, Abtreibung, Homosexualität,...usw.).
Biblische Wahrheiten sind da ziemlich festgefahren, wenn man den Text so liest und stehen lässt, wie er dort steht. Hilfreich sind sie dann nicht um eines Zusammenlebens in einer vielschichtigen Welt.

Die Bibel ist da wenig tolerant, wenn ernst genommen...je liberaler die Menschen gesinnt sind, umso eher nehmen sie bestimmte Aussagen nicht fürwahr(suchen sich also heraus, was ihnen genehm ist und sie nicht einschränkt), je konservativer umso eher nehmen sie solche an, haben aber das Dilemma, dass zumindest im christlichem Kontext sie schnell dem Sektiererwesen anheimfallen, wenn dies laut geäußert würde (im islamischen Kontext sind solche intoleranten Äußerungen durchaus noch gesellschaftsfähig).

Glauben ist eine schwierige Sache heute, da viel an Vernunftsdenken weggeschoben werden muss oder man mit einer großen Menge an Widersprüchen leben muss. So ist aber das Leben. Man kann durchaus im biblischen Kanon Teile finden, die gesellschaftsbezogen gute Beispiele geben, nur gibt es ebenso viel an Aussagen, die man kritisch betrachten müsste, gerade im Bereich des Miteinanders, Sexuellen, Familiären usw.

Ich habe hier an diversen Stellen auch schon biblische Theologie betrieben, auf den Text bezogen, auf das Thema bezogen, bin mir aber bewusst, dass, wenn man andere Fragen stellt und sich erlaubt, durchaus ein totaler Widerspruch entstehen kann, was man überhaupt glauben kann und will....letztlich glauben Menschen, weil sie glauben wollen...der Glaube soll ihnen etwas geben, er mag dies auch erreichen...die Frage ist nur, ob dies nicht auch eine Ethik erreicht, die glaubensfern ist, also nicht an bestrafenden oder belohnenden Gottesbildern hängt.....die Ethik ohne einen Gott hat es wahrscheinlich schwerer, weil sie nur diesseitsbezogen ist. Zurückhaltung gegenüber all dem erlebten Bösen in der Welt basiert eben stark auf den Glauben, dass dies belohnt werde.

Ich habe manchmal Befürchtungen, dass zuweilen viele Kritiker bei aller Kritik an der GET selbst nicht wirklich in anderem Fahrwasser sind, sondern strukturell noch ziemlich nahe im Denken verhaftet. Man sieht einige berechtigte Fehler in der Versammlung und ihren Lehren, ist aber nicht wirklich selbst liberal, sondern nur auf einem Seitenweg ebenso konservativ. Hier müsste ein Aufbruch dann sich erlaubt werden, selbst fundamental an Fragestellungen heranzugehen und nicht nur an eine andere, letztlich auch nur strenge Auslegung zu betreiben. 
Ich kann die Wut verstehen, wenn man letztlich angewidert ist davon, was einem von selbstherrlichen Führern zugemutet wird, wie man sich selbst als gefangen fühlt, ihnen zuzuhören, ihre Allmacht spürt, ein Nein dagegen herausschreien möchte, doch eine ebenso konservative Sichtweise, die den gesehenen oder erlebten Fehler durch einen ebenso neuen Fehler, wie ihn andere empfinden mögen, ersetzt, bringt nur eine Teilbefreiung... Man selbst mag zwar zufrieden sein, doch sind es andere, die dann diese konservative Sichtweise selbst als einschränkend ansehen?

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#6 08.05.2017 22:20:33

Rosmarie Stucki
Mitglied

Re: Einhalten von Menschengeboten

Ich kann die Frustration auch verstehen. Sie ist verständlich, verstellt aber den nüchternen Blick. Der Kritiker sei bedacht, sich nicht der Dogmatik zu bedienen, die er rügt. Ob in schwärmerisch-frömmelnder Entzückung oder mit furchigen Sorgenfalten, weder das eine noch das andere tragen zur Glaubwürdigkeit bei.

GET-Wissensinteressierter trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt, uneinige Parteien seien oftmals desselben Geistes Kind. Etwas versetzt, letztendlich aber parallel, laufen die sauber abgegrenzten Fahrwasser doch in ein und dieselbe Richtung und auf dasselbe hinaus. Hans wie Heiri, ist man versucht zu sagen.

Erkenne dich selbst; wisse, was du willst.

Der Fahrgast, der sich erwartungsvoll in den Zug setzt, wird sich bald mit den Umständen der Reise auseinandersetzen. Vielleicht geht es ihm zu schnell oder zu langsam, er beurteilt die Qualität der Sitze und beobachtet die Mitreisenden. Ist er sich nun seiner Prioritäten nicht im Klaren, werden zunehmend Nebensächlichkeiten seine Aufmerksamkeit beanspruchen.

Wem die Destination wichtig ist, erduldet eher den Stehplatz und wenn der sich auf dem besten Sitz breitschlagende Grobian dauernd furzt. Das kostet Nerven, ist aber konsequent. Der zielorientierte Reisende weiss und nimmt in Kauf, dass ihm die Reise mehr Opferbereitschaft abverlangt als der Sessel daheim. Mit Blick auf das Ziel verliert er sich aber nicht auf Nebenschauplätzen.

Wer hingegen die Reise vor Augen hat, wird sich ungeachtet der Richtung lieber in das komfortable Abteil des bestmöglichen Zugs setzen. Geniesserisch lehnt der Reiselustige sich zurück und bleibt in Hinsicht auf das Ziel flexibel. Ein Schritt nach dem anderen, lautet die Devise. Es lässt sich nicht alles planen, man passt sich agil den jeweiligen Zuständen an, wann und wo der Zug hält. Der Reiselustige behält jederzeit seine Optionen im Blick und sich selber vor, situativ aus- oder umzusteigen.

Wer nicht weiss, was oder wohin er will, kann weder geniessen noch ankommen. Das aufgrund mangelnder Perspektiven entstehende Defizit wird angefüllt mit dem, was er nicht will. Das weiss er nämlich umso genauer. Das so von den Winden getriebene Blatt entwickelt dabei ein feines Sensorium für all die grossen und kleinen Unzulänglichkeiten des Lebens, es geisselt lautstark die Willkür der Lüfte und fordert als Opfer der Umstände sein Recht ein, nicht das Opfer der Umstände zu sein.

Man sollte sich die Zeit nehmen und bewusst machen, was wirklich zählt. Klar definierte Ziele bieten Orientierung, indem sie den Blick vom Unerheblichen auf das Wesentliche lenken. Setzt man die Kosten in Bezug zum angestrebten Ziel, verliert der in sich abstrakte Aufwand an Schrecken. Wir erkennen Hindernisse und Widerwärtigkeiten als zwar unerwünschte, aber unumgängliche Teile des Wegs zum Ziel.

Das heisst nicht, dass man Kritik nicht üben soll. Dies kann sogar Pflicht sein. Wer sich seiner Prioritäten bewusst ist, fordert und verhandelt zielgerichtete Lösungen. Wer nicht weiss, was er letzten Endes anstrebt, bewirtschaftet berechtigte Anliegen als angebliche Ursache des eigenen Unvermögens.

Will sagen: Man kann nicht schwimmen, ohne nass zu werden. Wer trocken bleiben will, bleibt am Ufer. Mühsam sind lediglich die quengelnden Kinderlein dazwischen, die Mutti beackern, endlich für ordentliche Wassertemperaturen zu sorgen.

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