Die Gemeinschaft Evangelisch Taufgesinnter

Wir teilen Informationen und Erfahrungen bezüglich der Gemeinschaft der Evangelisch Taufgesinnten - GET (Nicht Nazarener).


Diese Website ist nicht aus dem Beweggrund entstanden, die GET oder Personen darin zu verunglimpfen, sondern weil Mitglieder aus dieser Glaubensgemeinschaft Feststellungen und Erfahrungen gemacht haben, die äusserst nachdenklich stimmen.
Ein Geist der Mitteilung und Ehrlichkeit fördert die Gesinnung des Prüfens und Forschens, welche der Apostel Paulus als “edel” bezeichnete. (Apostelgeschichte 17.11)
Dazu ist es dringend notwendig, auf Ungereimtheiten und problematische Aspekte der Gemeinschaft hinzuweisen. Wir wollen wo nötig im Ernst aufrütteln, in der Liebe ermahnen und das Licht auf den Leuchter stellen.

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#1 07.10.2024 12:35:43

Basler
Mitglied

Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Aus der Überlegung heraus, dass diese Beiträge, die im Hinblick auf dieses Forum entstanden sind, nicht einfach mein „Privatbesitz“ sind, melde ich mich zurück. Ein Nebeneffekt des Intermezzo: ein überarbeiteter Text.

Eine neue Rubrik habe ich damals eröffnet: Ich mochte nicht beitragen unter einem Titel („falsche Lehren“), der unter dem Zeichen eines richtig-falsch-Schemas steht. Mein Argumentationsweg ist ein ganz anderer – er hat und sucht keinen Anschluss an jene Abhandlungen. Mein Wunsch und Motiv für diese Beitragsreihe: Lüften, frische Luft in das Mieflige der „theologischen Debatte“ bringen. Und zum Verstehen des Lebens und Erlebens mit und in dieser Gemeinschaft beitragen.

Klärend vorausschicken möchte ich eine Skizze der Geisteshaltung, aus der heraus ich argumentiere: Das Religiöse hat seine Bedeutung darin, dass es die Seele formen, stärken, veredeln soll. Ehrfurcht vor einem Höheren, Demut und Gemeinschaftssinn, Mut und Lebensfreude, Vertrauen in grössere Zusammenhänge – die Liste darf erweitert werden – sind Qualitäten, um die es dabei geht. Wo, bei welchen Gemeinschaften oder Bekenntnissen, man das haben kann, ist nicht „beliebig“, aber auch nirgendwo „exklusiv“. – Auf einer ganz anderen Ebene liegt die Frage über den Bezugs zum Christus, über das Ausmass des Durchdrungenseins vom Christus. Dafür ist das Religiöse – im guten Fall – nur ein Ausgangspunkt. Im weniger guten Fall kann es gar hinderlich sein, siehe beispielsweise (aber nicht nur) die „Pharisäer und Schriftgelehrten“.

Diese Unterscheidung ist wichtig und liegt mir sehr am Herzen. Denn das Religiöse können wir befragen, zum Beispiel hinsichtlich seiner seelenprägenden „Wirkungen und Nebenwirkungen“. Darüber kann (und ich meine: soll) man reden – niemals aber über den Bezug zum Christus: darüber haben wir nicht zu urteilen.


In diesem Sinn befrage ich also im folgenden die Lehre des S.H. Fröhlich. Dabei beziehe ich mich auf das Buch von Garfield Alder, auf das ich durch dieses Forum aufmerksam wurde, sowie auf weitere Dokumente in diesem Forum, dann aber natürlich auch auf mein persönliches Erleben. – Mein Vorgehen: Ich versuche „Impulse“ zu umschreiben, die im Denken und Handeln Fröhlichs als Wirkkräfte zu Tage treten. Wo solche Impulse auf entsprechende Anliegen in der Zuhörerschaft trafen, dort also „Resonanz“ fanden, konnten sie Gemeinschaft bildend wirken und sich über Generationen tradieren. Solche Impulse kann man jederzeit ganz konkret erkennen: an ihrer Wirksamkeit, „an ihren Früchten“.


Ausgangspunkt von Fröhlichs Weg ist ein Unbehagen - worüber, ist nicht ganz einfach zu formulieren, deshalb zunächst sehr allgemein: über landeskirchliche Theologie und Lebenspraxis. Was er sucht, kann man jedenfalls benennen als eine „Ernsthaftigkeit ganz anderer Kategorie“. Er erkennt in sich eine Sehnsucht nach „religiöser Tiefe“, für die er in seinem landeskirchlichen Umfeld weder im Wissenschaftsbetrieb noch in der Lebenspraxis Nahrung vorfindet („ein verloren Schaf / das für seinen Hunger keine Weide / lechzend nirgends eine Quelle traf.“) Also Impuls 1: Hunger nach Ernsthaftigkeit.


Einen zweiten Impuls benenne ich jetzt einfach einmal als „Seelenangst“, Angst um das Seelenheil. „Sich ein Gewissen machen“ war ein gängiger, immer wieder zu hörender Ausdruck dafür, mit abgründigen Vorstellungen über „ewige Verlorenheit“ verbunden. Fröhlich selbst war zeitweise von solchen furchtbaren Ängsten geplagt. (Diktion in Betrachtungen: „in die Not kommen“.) Wenn man etwa bei G. Alder nachliest, wie Gläubig begannen, die Reinheit ihrer Bekehrung nachträglich in Frage zu stellen – und war die Taufe dann berechtigt und gültig? – und aus lauter Zweifel und Verzweiflung sich nochmals taufen liessen – „zur Sicherheit“! – kann einen schon ein Grausen beschleichen, und man bekommt Mitleid mit den geplagten Zweifelgläubigen.


Auch dem dritten Impuls gebe ich einen Arbeitstitel: „Theologische Hilflosigkeit“. Was Fröhlich antrieb, war ja nicht in theologische Formeln zu fassen. Da griff er dann die Tauffrage auf und klammerte sich an sie wie an einen Grashalm. Letzten Endes hatte er keine eigene, von der landeskirchlichen abweichende Theologie; deshalb brauchten er als von ihm eingesetzten Prediger keine Theologen. Als später die ETG von der Laienpredigt Abstand nahm, schlossen sich die auszubildenden Lehrenden weitestgehend der landeskirchlichen Theologenausbildung an – es gab inhaltlich offenbar kaum Differenzen.


Einen vierten Impuls möchte ich auf keinen Fall unerwähnt lassen: „Vertrauen auf Inspiration“. „Sorget nicht was ihr reden sollt“, lautete die Devise. Keine vorbereitete Predigt, nicht einmal bezüglich der Textauswahl. Offen sein für den Geist, der uns inspieriert. – Ich liebte es als Kleinkind, die Stimme meines Grossvaters zu hören, wenn er predigte. Vom Inhalt verstand ich eh nichts. Aber was da „hinter der Stimme“ durchkam, war „richtig“ und traf in den Kern der Seele. – Ich selbst habe diesen Impuls wegleitend aufgenommen – im späteren Berufsleben zeitweise bis an die Grenze sträflicher Vernachlässigung von Vorbereitung, wobei der Geist aber im Hintergrund desto fieberhafter gearbeitet hat, sodass mir dann „vor Ort“ Dinge eingefallen sind, die wirklich weiterführend waren. In solchen Situationen kam es vor, dass ich „mich Dinge sagen hörte“, die auch für mich völlig neu waren. Ein segensreicher Impuls, für den ich unendlich dankbar bin.


In diesem Zusammenhang eine eindrückliche Erinnerung an einen Lehrbruder, bei dem halt zeitweilig die Inspiration sich nicht einstellen wollte. Er stand dann da, geriet ins Stocken, sagte etwa „ja, es ist so, wie es hier steht“, las die Stelle nochmals vor, was aber auch nicht weiterhalf, und begann schliesslich zu weinen. Stand einfach da am Pültchen und weinte. – Ich kann das erst heute wertschätzen: Wenn doch mancher uninspirierte Vortragende einfach seinen Mund halten und weinen würde ob des Mangels an Inspiration, anstatt einfach weiterzuschwatzen!


Als fünfte Eigenheit des Fröhlich-Vermächtnisses nenne ich die alttestamentliche Grundhaltung, die mosaisch anmutende Gesetzlichkeit, die ich anderswo bezogen auf die „Hari-Betrachtung“ (Okt. 53) auch als „Prophetengepolter“ bezeichnet habe. Diese Haltung ist eng verwandt mit dem Impuls der Seelenangst; sie steht für die Not des Unerlösten. In der hier eingeführten Sprache der Impulse: Hier fehlt ein Impuls, nämlich der Christus-Impuls. Von einer „Freiheit in Christo“ mag da und dort die Rede gewesen sein – verstanden, lebendig spürbar, in ihrer Tiefe durchdrungen wirkte sie aber nicht. Ehrlicherweise muss man immerhin beifügen: In andern „christlichen“ Gemeinschaften ist das auch nicht viel anders – ist aber auch kein Trost. – Mit diesem „alttestamentlichen Impuls“ verbinde ich auch die herrschende felsenfeste Überzeugung, das (einzig) „auserwählte Volk Gottes“ zu sein. Das ist sehr weit entfernt vom Christus-Impuls; manche GET-Mitglieder würden sich wundern, wo überall Christus sich offenbaren kann.


Wenn wir von fehlenden Impulsen reden, dann darf jener des „menschlichen Entwicklungs- und Erkenntnisweges“ nicht unerwähnt bleiben. Zwar gab es einen „Weg der Bekehrung“; mit dieser Bekehrung war man aber „angekommen“, „errettet“. Man hatte dann „den Schatz“, „das Kleinod“, „ins Herz gelegt“ bekommen; diesen Schatz galt es dann zu „bewahren“, aufzubewahren, zu hüten, damit er nicht „Schaden nehme“ – insofern ging „der Weg“ natürlich weiter, Treue wahren bis zum Tod, der Anfechtung widerstehen. Es wurde auch gesungen „ ... lieber Herr, doch sind noch viel der Stufen ...“, aber es gab kein Konzept, keine Vorstellungen darüber, worin diese Stufen „zum Himmel“ bestehen sollen. – So wertvoll ich das Milieu für meine kindliche Religiosität erachte: Für eine weitere Entwicklung im Erwachsenenalter war es erschreckend unergiebig. Das hat mich bei mehreren Gelegenheiten jeweils erschüttert, wenn ich Bekannte, von denen ich jahrzehntelang getrennt war, im Altersheim wieder besuchen durfte: Da hatte sich geistig – soweit ich das erkennen konnte, möchte ich einschränkend deutlich betonen – nicht viel Nennenswertes getan. Ich wäre froh, wenn ich mich in diesem Punkt täuschen würde. – Zu diesem Thema passen die Bilder über das „Jenseits“: „sel’ge Ruhe ...“, wenn überhaupt man sich Gedanken gemacht hat. Ruhe bedeutet letztlich Tod; Christus lebt, Leben ist Tätigkeit, Mitwirken am Werk. Darüber wurde überhaupt nicht nachgedacht, stattdessen über Frisuren, Schnurrbärte und Rocklängen.


Sicherlich könnte man die Liste solcher Impulse weiterführen und ausdifferenzieren. Mir gefällt dieser Ansatz zur Beschreibung einer Glaubensrichtung aus mehreren Gründen. Da entfallen zum einen diese schwer erträglichen „theologischen“ Wortklaubereien. Zum andern richtet sich der Blick auf das, was – auch beim kindlichen – Gemüt ankommt und darauf wirkt. Und drittens, wenn wir auf die Ebene der historischen Entwicklungen und Ereignisse der Gemeinschaft blicken, zeigen sich diese Impulse in ihren Wirkungen sehr klar und deutlich und erklären vieles, was anders unverständlich bliebe.

Jeder von uns kann in diesem Sinne auf ganz persönlicher Ebene sich befragen und überprüfen, was jeder einzelne dieser Impulse bei ihm bewirkt und hinterlassen hat. Für mich: Der erste, die „Ernsthaftigkeit des religiösen Strebens“, in Verbindung mit dem Vertrauen auf „Inspiration“ hat das Positive am Milieu ausgemacht, in dem ich aufwachsen durfte; diese Impulse waren spürbar und haben gelebt und gewirkt (vgl. mein Beitrag unter „Austritt“).

Für den zweiten Impuls – „Seelen- (bis hin zu Höllen-)angst – war ich glücklicherweise weniger empfänglich und disponiert. Hingegen auf der Ebene der Entwicklung der Gemeinschaft – die Trennungsgeschichten, das sich Gängeln lassen durch das Machtgebaren von Ältesten – hat dieser Impuls gewissermassen wie ein Taifun gewirkt und mächtige Verwüstungen zurückgelassen. – Man muss natürlich auch das Zusammenwirken der Impulse betrachten: Wenn sich die Seelenangst mit der Ernsthaftigkeit verbindet, die dann zur Sturheit und zum Eiferertum degeneriert, resultiert ein verheerendes Amalgam, was dann sektenhaft anmutet. Wirken Ernsthaftigkeit und inspiriertes Vertrauen zusammen, kann jene frohgemute, gütige Ausstrahlung Platz greifen, die ein förderliches Milieu schafft. Und es waren eben alle diese Impulse am Werk, nur unterschiedlich wirksam, je nach Situation und persönlicher Disposition.

Der Impuls der „theologischen Hilflosigkeit“ trat in meiner persönlichen Erfahrung beispielsweise sichtbar in Erscheinig, wenn die Eltern für die mannigfaltigen Gesetzlichkeiten einfach keine Erklärung formulieren konnten – sie taten uns Kindern dann manchmal richtig leid. Aber auch bei der „Schnurrbart-Trennung“: Es ist berührend nachzulesen, wie manche Älteste damals nach „Argumenten aus dem Wort“ gesucht haben, um zur „richtigen“ Entscheidung in dieser Frage zu finden; sie haben darum gebetet, gerungen und geweint. Es herrschte, wenn man diese Berichte verfolgt, pure Hilflosigkeit allenthalben. „Gehorsamspflicht“, die eine Seite – aber nicht gegenüber „Menschengebot“, die andere; das war die einzige verfügbare „Theologie“.

Die Inspiration schliesslich, verwandt dem Vertrauen, dass sich alles  letztlich zum Guten wenden müsse, war mancherorts noch spürbar vorhanden, aber, will mir scheinen, zu meiner Zeit im Abnehmen begriffen. Sie war die Kraft, welche den Seelenängsten entgegenwirken konnte. Bei meinem zeitweiligen Studium von „Gruppendynamiken“ habe ich gelernt und erfahren, dass Seelenängste riechen und sogar von Hunden wahrgenommen werden, die dann zu knurren beginnen. Ich will damit sagen: Diese Dinge sind derart manifest, treten derart offen zutage, dass man sie schier mit Händen greifen kann. Man erkannte schon als Kind die Inspirierten, und spürte, wie sich die Seele in ihrer Nähe weitete – und man „roch“ die Seelenängste und fühlte sich elend beengt.


Zusammenfassend: Eine solche Impuls-Betrachtungsweise lässt die highlights wie auch die Abgründe dessen, was da von Fröhlich und seinen Adepten und Nachfolgern in die Welt gesetzt wurde, in ihrem Tiefengehalt und in der Dramatik ihrer Wirkweise erkennbar werden. Eine „richtig – falsch“-Debatte wirkt vergleichsweise schal und seltsam uninteressant. Wir können ja nur dankbar sein, durch unsere Schicksalsbestimmung in diese geistige Gegend geführt worden zu sein, und uns fragen, für welche Lern- und Entwicklungsziele wir diese haben nutzen können – oder allenfalls noch nutzen könnten. Und wer in seinem Lebenslauf eine Station zum Lernen und Wachsen gut genutzt und ausgekostet hat, kann getrost die nächste Wegstrecke unter die Füsse nehmen.

Beitrag geändert von Basler (28.12.2025 16:17:50)

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#2 16.10.2024 12:18:13

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Sünde und Taufe

Zwei Themen dominieren die Fröhlich’sche Lehre und Gemeinschaftspraxis. Das eine Thema ist der Menschen in seiner konstitutiven („Erbsünde“, „Adams Fall“) und selbstverursachten Sünd- und Schuldhaftigkeit. Das andere Thema ist die Taufe, verstanden (nicht nur, aber auch) als Ritual der Reinigung von solcher Verschmutzung und überhaupt als Kernpunkt der theologischen Identität. – Beide Themen werden in der Gemeinschaft derart ins Zentrum gerückt und als selbstverständlich gesetzt, dass ich selbst sie noch viele Jahre nach dem Austritt nicht näher befragt habe. Ich versuche im folgenden, das nachzuholen.


Zum Thema Sünde. Unser Denken, Tun und Wollen ist Ausdruck unseres Seelenzustandes. Wir verhalten uns dem Stand unserer Entwicklung entsprechend. Dieser jeweils erreichte Stand ist eine Realität, der wir ruhig und ohne Wertung in die Augen schauen sollen. Dann sehen wir die Arbeit, die noch zu leisten ist. Arbeit ist generell dann am produktivsten, wenn sie in aller Ruhe, ohne Aufgeregtheit, erbracht wird. Und ja, da bleibt immer genug zu tun.

Der Blick in die Evangelien zeigt einen ausserordentlich souveränen Umgang mit dem Thema – da können wir nur staunen. Alle kennen wir die Geschichte mit der Sünderin, die gesteinigt werden sollte – aber lest sie doch noch einmal durch, es ist so wohltuend und stärkend (Joh. 8). Was wird der Sünderin gesagt? Wird Busse, Reue, Zerknirschung empfohlen? „Gehe hin und sündige nicht mehr.“ Frei übersetzt: Lass den Scheiss. Punkt. Das setzt eine starke Seele voraus – die wird der Frau zugemutet, aber auch zugestanden – keine zittrige oder weinerliche Zerknirschung.

Auch beim reichen Jüngling wird nicht nach dem Sündenregister gefragt. Wohl aber nach der Bereitschaft zur Nachfolge. Diese ist nicht gegeben – die Seele ist noch nicht bereit. Traurig für beide, aber ist halt so. Die Seelenprüfung reicht aus – und ihr Ergebnis ist absolut unzweideutig. – Desgleichen bei den Jüngern, die der Meister zur Nachfolge einlädt: Sünden sind (selbstverständlich, will uns scheinen) kein Thema – übrigens auch nicht Taufe – sondern einzig und allein die Nachfolge-Bereitschaft. Die Sünden- und Tauffragen sind in diesem Zusammenhang offenkundig völlig uninteressant, haben keinerlei Bedeutung.

Damit sind wir beim Thema Taufe angelangt. Die Taufe kommt in den Evangelien nur gerade einmal vor – dort aber richtig und mit Wucht (Lukas 3.22:) Nach Luther-Übersetzung (1912) rief die Stimme: „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Nach andern Übersetzungen: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.“ Diesen letzten Satz haben ja doch wohl nicht irgendwelche Übersetzer erfunden. Also jedenfalls war das ein absolut einmaliges, starkes Ereignis. Seine Wucht verbietet Imitationsversuche – das ist meine persönliche Haltung, ich respektiere selbstverständlich andere Sichtweisen.

Wie schon erwähnt, kommt die Taufe anschliessend in den Evangelien nicht mehr vor. Im Gegenteil, der Täufer selbst verweist auf jenen Grösseren, der mit Geist und Feuer taufen wird. Könnte man daraus nicht schliessen, dass das Thema Wassertaufe damit eigentlich als abgeschlossen verstanden werden könnte? Nun, Rituale dürfen sein; sie haben halt die Bedeutung, die man ihnen beimisst. Aber dieses Überhöhen, als absolut Setzen? Das Ritual des „Händewaschens in Unschuld“ des Pilatus sollte uns skeptisch stimmen.

Im übrigen war die Taufe keineswegs eine „christliche“ Erfindung. Offenbar hatten die Menschen schon früher solche Reinigungsrituale gekannt und sind in entsprechender Erwartungshaltung in grosser Zahl zum Johannes an den Jordan geströmt. Jede neue Religion übernimmt schon vorhandene Rituale und definiert für sie neue Bedeutungen. So hat sich in der Folgezeit, geschildert in der Apg., die Taufe als Ritual der Aufnahme in die Gemeinschaft etabliert.

Welches ist der Stellenwert der Taufe als Ritual in der Apostelgeschichte? Im Zusammenhang mit der Bekehrung des Paulus (Apg. 9) sind dem Handauflegen sieben Zeilen (Vers 17) gewidmet, der Taufe (Vers 19) gerade drei Worte, zwischen Handauflegen und Einnahme einer Speise (letzteres: sieben Worte). Das Wiedererlangen des Augenlichtes war Folge des Handauflegens, nicht der Taufe. Ich bitte um Verzeihung für diese quantitative Methode der Auslegung; ich respektiere selbstverständlich andere Methoden, die zu andern Ergebnissen führen.

Ein weiteres ergreifendes Beispiel – weil ich gerade das Lukas-Evangelium vor mir habe (7.47-50): Die vielen Sünden jener anderen Frau – stadtbekannte Sünderin und Spenderin jener „sündhaft teuren“ Salbe – wurden ihr vergeben, weil sie „viel geliebt“ und weil „ihr Glaube ihr geholfen“ hat. Und nicht etwa, weil sie durch eine Taufe reingewaschen worden wäre.

All diese Beispiele und Geschichten weisen hin auf die enorm wohltuende, starke, Klarheit schaffende Kraft, die aus den Evangelien strömt. Die Bedeutungen der jeweils relevanten Faktoren treten in klaren Konturen zutage. Für Seelenangstschweiss ist da einfach kein Raum, ebensowenig für Bedeutungsverzerrungen. Mögen alle aus diesem Kraftquell und aus dieser Klarheit schöpfen und sich dabei von niemandem einschüchtern lassen.

Beitrag geändert von Basler (17.10.2025 13:12:45)

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#3 06.12.2024 18:42:50

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Über das Wirken der Botschaft

Gedanken zur Forumswidmung „edles Forschen in der Schrift“ (Apg. 17.11).
Eine Weihnachtsgabe für aufrichtig suchende Besuchende


Die Vermittlung der Frohbotschaft in den Zeiten der Apostelgeschichte war eine anspruchsvolle Aufgabe. Es brauchte Anknüpfungspunkte, die nicht ohne weiteres gegeben waren. Am ehesten waren solche bei den Juden zu finden, hatte die Propheten doch schon seit Urzeiten auf den kommenden Messias hingewiesen. Also begab sich Paulus, wenn er in eine neue Stadt kam, jeweils zunächst in die lokale Judenschule. Wer ihm dort guten Willens zuhörte, konnte anschliessend in den prophetischen Schriften die Übereinstimmung mit der neuen Botschaft überprüfen. – Die Evangelien lagen ja noch nicht vor, die sollten erst noch geschrieben werden.

Woran aber konnte Paulus ausserhalb der jüdischen Gemeinden anknüpfen? Wir erfahren im gleichen Kapitel (Vers 16 ff), wie das auf dem Athener Markt- und später auf dem Gerichtsplatz etwa verlief. Da muss er „ganz vorne“ anfangen: Gott sei ein Geistiges, nicht auf Materielles angewiesen. Und er erzählt von einem Gekreuzigten und Auferstandenen; damit können die Zuhörer nicht viel anfangen, ausser, dass mit der Auferstehung offenbar eine damals aktuelle „philosophische“ Frage tangiert war, die aber von der herrschenden mainstream-Philosophie schon längstens als abgehakt galt – interessant, aber eher „Schnee von gestern“. Immerhin ist es Paulus in diesen Auftritten offenbar gelungen – dank seiner griechischen Bildung in Sprache, Philosophie und Rhetorik – bei einigen Bildungsbürgern („ehrbare Frauen und Männer“) so viel Interesse zu wecken, dass sie Genaueres erfahren wollten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang jener „Altar des unbekannten Gottes“. Dieser stand dafür, dass in jedem Menschen eine Ahnung seines göttlichen Ursprungs vorhanden ist, und damit verknüpft eine Sehnsucht, sich mit diesem Göttlichen wieder zu verbinden. Das war und ist ein „Brückenkopf“ ganz anderen Kalibers als die „Schriften“ der Juden, auf den die Botschaft aufbauen konnte.


Paulus war für die Verkündigungsaufgabe deutlich besser ausgerüstet als z.B. Petrus; um die übrigen Jünger wurde es noch stiller. Er, Paulus, gilt mit seinen Gemeindegründungen und Briefen als der Religionsbegründer. Die vormaligen Jünger waren einfache Leute, wohl für Auftritte auf dem Athener Marktplatz weniger geeignet. Das ruft nach einem Vergleich mit der Laienpredigt in der Versammlung. Diese war halt Gold wert, insofern sie von einer Ahnung des Göttlichen geleitet war und solange sie nicht „gescheit“ („weltgelehrt“ sagte man dort) daher kommen wollte (oder moralisierend, möchten wir gerne anfügen). „Als ich so am Kreuz gesessen / hast du selig mich gemacht“ zitierte ein Lehrbruder vor sicher bald 70 Jahren ein Lied, und machte dann eine lange Pause. Es klingt noch heute nach.

Irgendwo auf einer homepage der ETG (Gemeinschaft jener, die damals Schnurrbärte zugelassen hatten) las ich vor einiger Zeit eine Erklärung, wie man dort zur theologischen Ausbildung gefunden hat – aus sehr guten Gründen, zweifellos. Aber ich hatte den Eindruck, „zwischen den Zeilen“ auch ein leises Bedauern wahrgenommen zu haben. Nun gut, intellektuelle Kompetenz verhindert keineswegs Inspiriertheit, so denn beides gegeben ist.

Heute kann ich sagen: Der gebildete Paulus war der Religionsbegründer, nicht die „Laienjünger“. Aber gleichzeitig sage ich: Der Brückenpfeiler „Gottesahnung“ verdient mehr Aufmerksamkeit als das „Bibelforschertum“. Denn die wahre Erkenntnis findet jeder nur in sich selbst. „Das Wort“ ist nur wirksam, wo es in uns zur persönlichen Erfahrung wird.

Diesbezüglich spricht mich das Bild der zuhörenden Maria an. Sie nimmt die Worte des Meisters auf, bewahrt und bewegt sie in ihrem Herzen, lässt sie auf die Seele wirken. Nicht um sie, wie jene Tessaloniker Juden, mit irgendwelchen Schriften abzugleichen, sondern um sie mit dem zu verbinden, was in ihrer Seele als Substanz schon vorhanden, errungen war. Da konnten die Worte zum Samenkorn werden, das keimen und Früchte tragen würde.


Zum Abschluss noch ein Gedanke zur Religion. Paulus habe ich oben als Begründer des Christentums dargestellt. Christus hat keine Religion begründet, sondern eine Liebestat gesetzt. Religion mit ihren Dogmen, Ritualen, Gesetzlichkeiten, mit ihrer Gemeinschaftsbildung, kann förderlich sein für die Seelenbildung: Ehrfurcht vor dem Erhabenen, Demut, Geduld, Mut, Lebensfreude, Geschwisterlichkeit ... Wir kennen aber auch abgründig Verheerendes: Kreuzzüge, Inquisition, Reformationskriege, Folter, Verfolgung, Vertreibung und Ketzerverbrennung bis hin zu schnurrbartbedingten Trennungen.

Es war für mich befreiend, als ich bei Karl Barth („Römerbrief“) lesen konnte, „Religion“ (in einer Gemeinschaft gepflegter Kultus) sei von „Glauben“ (persönlicher Bezug zum Göttlichen) zu unterscheiden. Er hat das zwar in späteren Schriften relativiert und der Religion wieder einen höheren Stellenwert zugebilligt, vor allem wegen deren Funktion der Gemeinschaftsbildung. Aber es war doch eine gute Übung, die beiden Begriffe einmal deutlich zu unterscheiden. Der Mensch braucht Gemeinschaft, Verbundenheit – so, wie das Erlösungswerk für alle, für die ganze Menschheit, stattgefunden hat. Doch muss der Glaubens- und Erkenntnisweg eine persönliche, individuelle Angelegenheit bleiben.

Man kann sagen: Es gibt ein Göttliches, und Religion ist die kulturgeprägte Art, wie dieses Göttliche in einer Gemeinschaft gepflegt und wie ihm gehuldigt wird. Solche Formen der Pflege – Rituale, Credos, „Lehren“, Regeln und Gesetzlichkeiten, Gemeinschaftskultur – sind nicht per se „richtig“ oder „falsch“; sie sind allenfalls geeigneter oder eben weniger geeignet, den Weg zu einem vertieften Verhältnis zum Geistigen, Göttlichen und insbesondere zum Christus zu bereiten.


Ich wünsche allen eine frohe Weihnachtszeit und guten Mut auf dem Weg.

Beitrag geändert von Basler (28.12.2025 16:18:33)

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#4 28.12.2024 21:01:51

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Das Drama von Busse und Bekehrung

Vor ein paar Tagen bin ich nochmals die Rubrik „Busse und Bekehrung“ durchgegangen. Danke vorerst und Respekt für die Offenheit und Substanz der erfahrungsbasierten Beiträge. – Anschliessend an diese Berichte wird’s ja klamaukartig. Man reibt sich die Augen, fragt sich, was hier los gewesen sei. Aber plötzlich wird klar: Was da abging, entspricht perfekt der Form des klassischen griechischen Dramas.

Die Form des griechischen Dramas sieht etwa so aus:

(1) „Exposition“. Im klassischen griechischen Drama geht es immer um einen Kulturwandel, um einen Umbruch zentraler Werte. (Eine Bekehrung kommt sicher einem solchen Umbruch gleich.) In der Exposition werden die im Konflikt befindlichen Werte und Geisteshaltungen dargestellt. Beispiel: Antigone muss ihren toten Bruder begraben, das fordern die göttlichen Gebote einer heiligen Tradition. Kreon, der König, muss der Staatsraison folgen; er hat das Begräbnis des aufmüpfigen Toten öffentlich bei Todesstrafe verboten. Er muss seinen Machtanspruch durchsetzen, wenn er weiterhin ernstgenommen werden will.

(2) „Verstrickung“. Die beiden Werthaltungen können nicht nebeneinander stehen bleiben. Der Konflikt nimmt Gestalt an. Antigone beerdigt den Bruder. Kreon steht unter Zugszwang.

(3) „Dramatische Steigerung“. Der Konflikt eskaliert. Es kommt zu polarisierender Lagerbildung; es gibt Vermittlungsversuche, und Kreon bietet gar an, die Sache zu vertuschen. Antigones Geisteshaltung lässt einen solchen Kompromiss nicht zu.

(4) „Katastrophe“. Es kommt, was kommen musste. Antigone wird lebendig eingemauert. Dann aber schlagen die „Kräfte der Tradition“ zurück. Es bleibt ein Scherbenhaufen.

(5) „Katharsis“. Die Katharsis ist der eigentliche Zweck des Schauspiels. Der durch Entwicklung („gesellschaftlicher Wandel“, im weiteren Sinn aber auch „Menschheitsentwicklung“) bedingte Wertekonflikt geht ja auch durch die Seele jedes einzelnen Zuschauers. Nach der Erschütterung durch den „katastrophalen Scherbenhaufen“ muss das Leben weitergehen. Das ist aber nur auf einer „höheren Ebene“ möglich, welche beide Seiten des Konfliktes integriert, neu verbindet.

Das aber wird Zeit benötigen, Verarbeitungszeit. Vorerst sind die Seelen aber einfach erschüttert. Sie brauchen, nach dem Gesetz des Ein- und Ausatmens, Entlastung. Solcher Entlastung dient das Nachspiel.

(6) „Nachspiel“. Die Gaukler, der Klamauk, die Faune und Kleingeister melden sich zu einem Karneval, der als seelisch-sozialer Verdauungsprozess dient. Der anders kaum erträglichen Schwere der erlebten Ereignisse müssen die Kanten geschliffen werden; nach der Katharsis müssen die Zuschauer wieder lachen und durchatmen können. Der Klamauk (als notwendiges Gegengewicht) ist ein untrüglicher Indikator für die Schwere des vorangegangenen dramatischen Geschehens.

Und dann noch das Pünktchen auf’s i: Ein Besucher meldet sich angewidert vom Forum ab. Der Geist der Unvertragsamkeit beansprucht das letzte Wort. Wo sich grössere und kleinere Geister balgen, darf auch dieser nicht fehlen. – Klassischer könnte man sich die Form des Geschehens in dieser Rubrik überhaupt nicht vorstellen. Man kann daraus ersehen, welche tiefe Weisheit in der Form des griechischen Theaters enthalten ist.



Aber jetzt von der Form zum Inhalt. Wenn ich mich im folgenden zu den Berichten äussere, besteht mein leitendes Motiv dafür einzig darin, dass suchende Menschen, die auf diesem Forum vorbeikommen, auch andere Töne zu hören bekommen. Ich wähle dafür die Ich-Form und die Form von Thesen, sodass ich die Berichte als solche unangetastet belassen kann. Ich „kommentiere“ somit diese Berichte keineswegs, nehme aber in ihnen angesprochene Themen auf und versuche, sie weiterzuführen.


Eine erste These hat zum Inhalt den Zeitpunkt des Bekehrungsversuches.
Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass er in die Jugendzeit fällt. Wovon soll ich mich da abwenden? Da gibt es doch meine noch voll florierende kindliche Religiosität; der Bekehrungsversuch ist ja gerade ein Ausfluss daraus. Ausser meiner „Erbsünde“ – ein Begriff, zu dem ich in diesem Alter nun wirklich keinen Zugang haben kann – und ein paar menschlichen Unzulänglichkeiten habe ich kein Sündenregister vorzuweisen, das mich wirklich bedrückt. – Und wem oder was soll ich mich zuwenden? Der „Stalltüre“ zu einer Gemeinschaft, der ich seit Kindsbeinen alternativlos angehöre?


These 2: Das Motiv der Seelen-Errettung.
Was findet denn in dieser Lebensphase statt? Die anstehende Aufgabe der Identitätsfindung beunruhigt mich. In meiner sich anbahnenden Geschlechtlichkeit werde ich von Eltern und Gemeinschaft alleingelassen. Nur „zwischen den Zeilen“ erfahre ich etwas von „prickelnder Gefährlichkeit“ – und natürlich von eminenter Sündhaftigkeit. Mir bleibt nur ein Eindruck von verschämter Zwielichtigkeit, ziemlich weit entfernt von Erwachsenenreife – beide, ich selbst und die Gemeinschaft. Verkürzter krummer Nenner: Meine Sündhaftigkeit besteht in meiner sich anbahnenden Geschlechtlichkeit.

Die Frage nach der Identität geht aber natürlich weiter: Berufsfindung, Vorstellungen über mein Verhältnis zur Gesellschaft im Erwerbsleben ausserhalb der Gemeinschaft. Überflüssig zu sagen, dass die Gemeinschaft auch auf dieser Ebene nicht nur nicht unterstützt, sondern zB hinsichtlich höherer Schulbildung oder bestimmter Berufe nur eitel Ängste um das Seelenheil schürt.

Dieses Konglomerat von Verunsicherung und geschürten Ängsten wird dann zum Motiv für ein „eil, errette deine Seele“. Ich werde zur „verirrten Schwalbe“, die davon träumt, „ihr Nest wiedergefunden“ zu haben, „wo sie nun bleibt und Ihrer Ruh geniesst“. Dieses Motiv kann selbstverständlich nicht taugen. Der Mensch – erst recht der junge – will und soll nicht „Ruhe finden“, sondern tüchtig werden zum Werk.

Auf einen kurzen Nenner gebracht: Umkehr setzt gefestigte Persönlichkeitssubstanz voraus. Saulus hat eine voll entwickelte Willenskraft, nämlich die Christen zu verfolgen und ohne Sentimentalität ans Messer zu liefern. Damit ist er nach Damaskus unterwegs, und diese Willenskraft und Freiheit von Sentimentalität macht ihn nach seiner Wende zum tüchtigen, brauchbaren Werkzeug.


Die dritte These befasst sich mit den Kampf-Elementen „Kraft und Tränen“.
Die Seelenkämpfe eines Bekehrungsversuches verlaufen dramatisch; da fliessen gelegentlich Tränen. Was bedeuten Tränen? Edelste Kategorie: Freudetränen. Manchmal wird man im Kampf unversehens von etwas berührt, wie von einem Engelsflügel: ein Gedanke, der alles in ein neues Licht rückt, eine Erkenntnis, die eine neue Türe öffnet. Die Seele lacht, und gleichzeitig fliessen Tränen der Dankbarkeit. Eine geistige Verspannung hat sich gelöst für einen Augenblick, den man zwar nicht festhalten kann. Aber er hat stattgefunden.

Eine ganz andere Tränen-Kategorie ist jenes Amalgam von Trotz und Selbstmitleid: Jetzt bin ich schon so lange auf den Knien rumgerutscht, und ihr geistigen Mächte rührt euch einfach nicht. Ein Riesenelend, aus dem wir lernen müssen, dass Geistiges sich niemals zwingen lässt. – Da hilft die sanftere Tour deutlich weiter: „Dein gedenk ich, und ein sanft Entzücken / überströmt die Seele, die du liebst“. Das „kann ich immer haben“; diese Tränen haben vielleicht etwas Rührseliges, aber das darf man sich immer wieder einmal zugestehen. – Aber dann gedenke ich „dein“ – und nicht meiner Erlösung oder Seelenrettung. Dieser permanente Fokus, der keinerlei andere Perspektive zulässt, ist verheerend, ein Elend. Ich habe doch einfach meinen Weg zu gehen, im Bewusstsein, dass er lang sein wird und erkämpft werden muss.

Ein anderer Modus als das Weinen ist das Kämpfen. Jakobs Kampf mit dem Engel – „ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, steht dafür beispielhaft. Oder das Mit-Wachen im Garten Gethsemane. Im Kampf arbeite ich nicht mit meiner Schwachheit und Erbärmlichkeit, sondern ich gebrauche und nutze meine Kräfte – die gibt es nämlich auch. Die muss ich kennen- und zu gebrauchen lernen. Mein „Weg“ besteht auch darin, Kräfte zu entwickeln, zu erbitten, zu stärken, zu pflegen. – Ein Thema, mit dem die Fröhlichianer nicht allzu viel am Hut haben. Umso wichtiger, dass wir uns selbst darum kümmern.


Und schliesslich stellen wir mit der These vier die Kardinalsfrage: Weshalb sollte gerade ich auserwählt werden? – Die Frage stellt sich unvermeidlich in einem solchen Bekehrungsversuch. Und ja, wir wissen es: Kein Verdienst reicht aus, nur Gnade. Und wir wissen auch: Das Erlösungswerk ist längst vollbracht. Als blosses „Wissen“ hilft das aber nicht weiter. Denn „viele sind berufen“ – aber auserwählt?

Das ist ein sehr intimes Thema. Die Frage ist aber extrem heilsam. Sie zwingt mich, mich selbst sehr streng zu erkunden – aber diesmal nicht bezüglich Sündenregister und Unzulänglichkeiten, sondern mit einem versuchsweisen Christus-Blick: Was ist bei diesem Kerl (der ich bin) an Liebenswertem und Zum-Werk-Brauchbaren zu finden?

Um es kurz zu fassen: Wir werden fündig! Da glänzt zwar noch keine Perle, es ist eher so etwas wie eine aufkeimende Ahnung, dass da etwas werden könnte. Aber das reicht, denn dieses Etwas, was da am Werden ist, wird wegleitend für das, woran wir nun Schritt für Schritt zu arbeiten haben.

Euch allen alles Gute für das Arbeitsjahr 2025!

Beitrag geändert von Basler (15.10.2025 16:11:25)

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#5 01.01.2025 17:47:42

Rosmarie Stucki
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Lieber Basler, es ist grosszügig von dir, den Krawall in einen grösseren Zusammenhang zu stellen und das Getue "kleingeistiger Gaukler" mit der "tiefen Weisheit des griechischen Theaters" zu verbinden.

Das ist diplomatisch geschickt, aber seien wir ehrlich: es war ein struber Radau infantiler Streithähne, der dem eigentlichen Thema in keiner Weise gerecht wird, ob das nun dem klassischen Ablauf des Dramas entspricht oder nicht.

Ich hätte dem Kontrahenten liebend gern die Augen ausgekratzt. Dafür gibt es mildernde Umstände, schäbig ist es dennoch, zumal es eben vor einem für viele Beitragsleistende tiefernsten Hintergrund geschah, wie du richtig festhältst. Mir ist nicht wohl beim Gedanken daran, obwohl ich mich schelmisch freute, den Gegner von Beitrag zu Beitrag ins Leere kicken zu lassen und köderlegend die nächste Runde zu provozieren. Die Sache artete so aus. Ich bitte alle Genervten und Enttäuschten um Entschuldigung.

Es ist ein schwieriges Abwägen, ob und wie lange man den sprichwörtlichen Pausenschreck auf dem Schulhof gewähren lässt. Irgendwann gebietet sich ein Einschreiten, auch auf die Gefahr hin, dass man sich eine blutige Nase holt. Die Fehde redete ich mir schön, glaubte mich beseelt von der Idee der ausgleichenden Gerechtigkeit im Dienste aller vorgängig Drangsalierten, aber niedere Instinkte spielten durchaus mit.

Du machst es besser. In der Kinderstunde hast du stumm geschluckt, als der Älteste den smarten Gefährten lobte, dir das Abi aber verwehrt war. Als ich deine Replik an meinen lieben deutschen Freund las und mir schon den zu erwartenden Hieb unter die Gürtellinie ausmalte, konnte ich kaum fassen, dass die Retourkutsche ausblieb. Wie schaffst du das?

Bei mir ist da noch Luft nach oben. Glücklicherweise ist gerade Zeit für neue (alte) Vorsätze. Ein gutes neues Jahr!

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#6 02.01.2025 20:55:51

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Gehorsam

An einem Sonntag gegen Ende der 50er Jahre waren wir zu Besuch in Nagold. Ich habe eine seltsam klare Erinnerung an den Tag. Die Vormittagsbetrachtung hielt ein alter Lehrbruder; er wetterte über die Zeit vor dem ersten Krieg: Die Menschen seien unzufrieden gewesen, das habe zum Elend geführt; der Krieg sei die Strafe dafür gewesen. Wer die Augen offen gehalten habe, habe das kommen sehen. Er betrachtete eindringlich über die „Rotte Korah“ (4. Moses 16), die für ihr Aufbegehren und ihren Ungehorsam lebendig von der Erde verschluckt worden und in die Hölle gefahren war.


Zur Zeit unseres Besuches hatte sich Deutschland von zweiten Weltkrieg schon einigermassen erholt. Da war in Nagold eine Familie, die führte ein Geschäft mit Herrenbekleidung, erfolgreich, man fuhr standesgemäss Mercedes. So auch der Dieter aus der Nachfolger-Generation, Endzwanziger, mit einem sicheren Auftritt, ein sympathischer, gewinnender, junger Mann, und bekehrt. Der fragte mich kameradschaftlich-jovial – die Deutschen sagten was, wo Schweizer sich wortkarg gegenüber standen – ob ich gehorchen könne. Das war einerseits freundliche Konversation, meine Eltern standen dabei, man hatte sich begrüsst und wurde willkommen geheissen. Ich muss etwa 13 gewesen sein – man konnte mich noch als Kind ansprechen. Aber ich hörte auch heraus: Dieter wollte wissen, ob ich als zukünftiges „Glied“ der Gemeinschaft gesehen werden wollte. Ich fand es ungewöhnlich, war aber positiv überrascht, dass nach der Versammlung das Thema der Betrachtung in den Gesprächen wieder auftauchte – das hatte ich in der Schweiz noch nicht erlebt.

Ich zögerte mit der Antwort. Mit Gehorsam hatte ich kein Problem. Ich konnte mich als Kind ohne Mühe einfügen in die Familienordnung, erbrachte  die Arbeitsbeiträge, die da gefordert waren, mit einem gewissen Stolz, weil ich im Ruf stand, dass man sich auf mich verlassen konnte. Im übrigen wurde damals allenthalben noch geschlagen, auch in der Schule, und ich hatte keine Lust auf Schläge. Das war mein pragmatischer Umgang mit dem Thema Gehorsam. Ich hatte mir dazu bislang keine tieferen Gedanken gemacht und schon gar nicht mich diesbezüglich auf irgendeiner Skala eingestuft. Begütigend meinte der Dieter: „Macht nichts, du hast ja noch Zeit, es zu lernen.“

Das hingegen fand ich befremdlich. Ich war bislang von der Selbstverständlichkeit ausgegangen, dass man als Kind gehorchte, dann aber mit zunehmendem Alter selbständiger, unabhängiger wurde. Nun sollte ich mit zunehmender Reife besser zu gehorchen lernen? Ich begann zu ahnen, dass das die Währung sei, mit der man im Versammlungsland bezahlte. War Gehorsam das Erfolgsrezept für Bekehrung, von dem man bei uns beredt-geheimnisvoll schwieg, und das dieser Versammlungs-Sunnyboy ganz ohne Komplexe und Verrenkungen freimütig benennen konnte und mir freundlich anvertraute?

Später sprach eine ebenfalls einnehmende, resolute jüngere Frau, auch sie bekehrt, Lydia?, über jene, die wir in Basel „die von der andern Seite“ nannten – ich weiss nicht mehr, in welchem Zusammenhang – als von den „Abgewichenen“. Den Ausdruck hatte ich vorher noch nie gehört. Gemeint waren damit jene, die im Trennungsgeschehen um die Jahrhundertwende „den Gehorsam verweigert“ hatten. Mir gefiel die lebendige, kommunikative Atmosphäre, die da in Nagold herrschte, ausserordentlich gut. Da wurden die Dinge beim Namen genannt. Mir begann zu dämmern, wie absolut zentral die Bedeutung des Gehorsams in dieser Gemeinschaft war. Und wie naiv meine vormalige Vorstellung gewesen war, es komme bezüglich „Bekehrungserfolg“ (das „grosse Geheimnis“!) auf Dinge wie etwa so eine kaum belegbare „Gläubigkeit“ an. Das war alles nicht so „arg“ geheimnisvoll, wie ich es mir zusammenphantasiert (und befürchtet!) hatte. Erfolgreiche Leute kannten die Erfolgsfaktoren und setzten sie ein. Just do it!


Aus heutiger Sicht: Wie hatte ich das übersehen können? Übrigens auch wieder im Beitrag über die „Impulse“, zu denen der Gehorsam doch unbedingt gehört? Weil er mir fremd geblieben ist. Mein Grossvater, aber auch andere Leitfiguren wie etwa der Vater Tröler, der den ersten Weltkrieg als Dienstverweigerer im Gefängnis verbracht hatte, waren gläubige, gottesfürchtige, fröhlich Gott vertrauende Menschen, und ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihnen so eine Eigenschaft wie „gehorsam“ zuzuschreiben. Die wussten einfach, was sie taten, und warum.


Bei Fröhlich selbst kommt das Thema „Gehorsam“ nicht vor, weder biographisch als Fragestellung, die ihn beschäftigt hätte, noch dogmatisch bei der Begründung seiner Gemeinschaft. Höchstens könnte man aus dem Umstand, dass er sich mit allen vorübergehend „Geistesverwandten“ jeweils bald überworfen hat – so auch mit Ami Bost von der Genfer Erweckungsbewegung, der ihn im Februar 1832 getauft hatte – schliessen, dass er Mühe hatte, Standpunkte ausserhalb seines eigenen gelten zu lassen. Gehorsam einzufordern hätte dann die Bedeutung des Nicht-zulassen-Könnens einer auch nur leicht abweichenden Sichtweise.

Dabei ist doch gerade die Vielfalt der Menschen, ihre Unterschiedlichkeit, ein wertvolles Gut. Wir haben unterschiedliche Gaben und Charaktere mitbekommen. So kann jeder seinen hochspezifischen Teil zu „grossen Werk“ beitragen, jeder aus seiner Individualität heraus, an seinen ganz bestimmten Platz gestellt, in seinem schicksalhaften Zusammenhang auf ganz besondere Weise gefordert. Wir müssen in dieser Unterschiedlichkeit zueinander finden und miteinander arbeiten können.


Das Gehorchen ist schon wichtig; es hat zu tun mit „horchen“. Dieses gilt „leiseren Tönen“, solchen nämlich, die eine sorgfältige Aufmerksamkeit erfordern. Diese leisen Töne kommen oft von innen, gelegentlich auch von aussen; wesentlich ist, dass die so vermittelten Botschaften unsere Aufmerksamkeit finden, dass sie „in die Arbeit genommen“ werden, dass etwas mit ihnen geschieht. Wir können sie allmählich verweben zu einem Gefüge, das immer mehr ein Ganzen wird und immer mehr seine Sinnhaftlgkeit zeigt. Das ist der Prozess der Ich-Werdung, und gleichzeitig des „von Christus Durchdrungen-Werdens“, denn diese „inneren Töne“ haben ja einen Ursprung, auch wenn es oft nicht auf Anhieb gelingt, diesen richtig einzuordnen. Und wenn Stimmen von aussen – Mitmenschen, Älteste oder jüngere – zu diesem Prozess beitragen, dann ist das wunderbar; wir brauchen die andern. – In diesem Prozess schaffen wir an der Instanz, die uns leitet. Der sollen wir allerdings gehorchen.

Diese „Instanz“ ist ja – weil immer noch nicht ganz fertig, noch am Werden, aber doch unausweichlich massgebend – eine spannende Angelegenheit. In der Systemtheorie (sehr empfehlenswert!) sagt man halb scherzhaft: „die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist der Umweg“. Der Weg des verlorenen Sohnes führt unausweichlich über die Station „Hunger nach der Säutränke“. Dahin hat ihn seine „Instanz“ geführt, absolut zielsicher, weitab von „menschlicher Logik“, wie sie etwa sein Bruder pflegt, der brav zuhause geblieben ist.

So auch Saulus, der in einer ganz bestimmten Mission nach Damaskus aufgebrochen war. Die Unbedingtheit in der Treue zu seiner Mission, die Christen zu verfolgen, wurde zur Unbedingtheit, mit der er bei den Gemeindegründungen zu Werk ging. Diese Qualität brauchte nur einen sehr geringfügigen „inhaltlichen“ Dreh, um sich ins Gute zu wenden. Wir dürfen uns die „innere Führung“ nicht als harmlose Sonntagsschule vorstellen. Sie ist immer noch in Entwicklung und Wandlung begriffen und bedarf sorgfältigen Pflege und Aufmerksamkeit; sie führt uns gelegentlich über seltsame Pfade und in „offenkundig falsche“ Gefilde. Wir sollen nicht meinen, wir könnten uns diese ganze Arbeit, diese Irrungen und Umwege ersparen oder wir könnten die Führung delegieren an wen auch immer. Gemeinschaft ist sinnvoll als Gemeinschaft eigenständiger Suchender; der Witz des Zusammenwirkens besteht in der Unterschiedlichkeit, in der Individualität der Beteiligten. In einem riesigen Buchenwald gibt es nicht zwei identische Blätter; es ist sicher nicht falsch, darin ein Prinzip der Schöpfung zu vermuten.



Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich deutlich zu spüren bekommen, dass ich mit diesem Thema ein Gebiet betreten habe, das allerhöchste Ehrfurcht gebietet. Die Brüchigkeit allen Argumentierens war bei jedem einzelnen Wort offenkundig. Doch durfte ich nicht aufgeben; ich musste diesem spöttischen Grinsen, das mich aus dem Hintergrund begleitete, standhalten. – Der Kern meiner Mitteilung liegt in meinem Erleben jenes Tages. Der Wunsch, dieser Gemeinschaft anzugehören, mit diesen Dieters und Lydias geschwisterlichen Umgang auf Augenhöhe pflegen zu dürfen, war auf seinem Höhepunkt angelangt. Gleichzeitig war mit diesem Gehorsamskonzept, das sich da neu ins Zentrum gerückt hatte, und von dem ich ahnte, dass es mir für immer fremd bleiben würde, der Anfangspunkt einer Ahnung gesetzt, dass dieser Weg halt doch nicht meiner sei.

Beitrag geändert von Basler (28.10.2025 12:43:54)

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#7 16.01.2025 20:36:17

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Karl Hermann

Das Kind, das in einer solchen Gemeinschaft aufwächst, tut in hellen Augenblicken einen Eid, ein Gelöbnis; es verbindet sich mit einem Geistigen. Der Inhalt dieser Gelöbnisse muss sich wandeln, Form annehmen, aber die Grundsubstanz muss erhalten bleiben, will man sich später noch im Spiegel in die Augen schauen können.

Was man sich als Kind vorstellen kann, was geistig Gestalt annehmen kann, ist niemals abstrakt. Glaube? Gottvertrauen? Das Kind erlebt nur Menschen in seiner Umgebung, die in seiner Wahrnehmung Seelisch-Geistiges verkörpern. Diese Menschen teilen sich in der Haltung, die sie ausstrahlen, dem Kinde mit, und wenn diese Haltung mit Liebe verbunden ist, kann sie in der kindlichen Seele zum Keim werden.

Ein solcher „Keimpflanzer“ war für mich Karl Hermann. Als Betrachter in Versammlungen habe ich ihn nur drei- oder viermal gehört, ausserhalb bin ich ihm nie begegnet. Seine Bedeutung für mich als „Keimpflanzer“ wurde mir erst vor wenigen Jahren bewusst, nämlich durch die seltsame Präsenz der Wirksamkeit seiner Worte, wie ich erst ein halbes Jahrhundert nach der letzten Begegnung mit Erstaunen realisiert habe.

Geliebt habe ich seinen Sprachduktus. Wenn er von „Raainigung und Haailigung der Seele“ sprach – reinstes Bühnendeutsch, wie ich später gelernt habe – spürte man in diesem Anfangs-A die vollkommene Offenheit allen Anfangs, den Inbegriff des Keimes, in dem noch kein Fehl und noch keinerlei Verunreinigung ist. – Auf solche Keimhaftigkeit hin kann man nur „in heisser Sehnsucht erglühen“. Hinter ein solches Erlebnis kann man niemals zurückgehen.

Dies alles schildere ich auch, um das Elend des Abschieds aus der Gemeinschaft darzustellen. Hier hatte man seine Gelöbnisse geleistet, hier waren diese Keimpflanzer, hier hatte man angefangen, Wurzeln zu schlagen. Und man hat im Abschied keinerlei Illusion, ein solches Eden jemals wiederzufinden. Jetzt ging es erst einmal durch die Wüste. Der einzige Trost: Samenkörner bleiben bei Trockenheit länger haltbar.

In anderem Zusammenhang habe ich schon darauf hingewiesen, wie mir die Arbeit an diesen Forumsbeiträgen nochmals einen Schub an Verarbeitung und Versöhnung gebracht hat. In diesem Kontext ist der folgende „Brief“ entstanden – zwischenzeitlich gelöscht – den ich jetzt in unveränderter Fassung wieder einbringe.



Lieber Karl Hermann

Mein damals jugendliches Gemüt hat dich verehrt; es hatte in dir den gesehen, der du werden solltest. Dieser Durchblick auf das, was werden will, jenseits dessen, was schon ist, war eine grosse Gnade. Und ich bleibe bei dieser allerhöchsten Wertschätzung, auch wenn sich mein Blick auf das, was damals war, durch jüngste Erkenntnis geläutert hat. – Der Blick auf Menschen, wie sie als Ziel gedacht sind, ist so ungemein viel interessanter als jener auf das, was sie jeweils schon „geworden sind“.

Ich brauchte damals jene Sichtweise so sehr. Daraus konnte ich die Kraft schöpfen, die mir Not tat. Die Seele schafft sich, durch den Blickwinkel, den sie einnimmt, was sie benötigt. Das ist doch wunderbar eingerichtet. Und das, was ich werden soll, muss sich doch an dem orientieren, was werden will – nicht an dem, was schon ist.

Du bist dann später folgerichtig ebenfalls rausgeschmissen worden – „weggeschleudert“ (Jeremia Kap. 10 Vers 18), wie es Bruder Emil Hari klar vorausgesehen und verkündet hatte. Nimm den Ausschluss als Gnadenwendung – im Sinn von Vers 19: „Es ist meine Plage, ich muss sie leiden.“ Jene Wendung gab dir die Möglichkeit, jenseits der Pflichten einer Amtsausübung nochmals in aller Ruhe über die Bücher zu gehen. Ich bin sicher, dass das für dich eine segensreiche Zeit war. Denn – hätte Hari doch nur noch zwei Verse weiter gelesen! – wenn (Vers 21) „die Hirten zu Narren geworden“ waren, war es doch wohl besser, nicht mehr zu ihnen zu gehören. – Wie dieser Jeremia den 11. Oktober 1953 und seine Folgen doch präzise bis ins Detail vorausgesehen hat!

Lieber Karl Hermann, ich weiss mich dir und der damaligen Gemeinschaft über alle Schranken hinweg weiterhin in Liebe verbunden. All jene beklagten Irrungen und Wirrnisse zählen ja nichts, wenn das, worauf es ankommt, stimmt und vorankommt. Und inzwischen wirst du auch erfahren haben: Botschaften der guten Engel tönen anders.

Dein Basler

Beitrag geändert von Basler (03.11.2025 15:55:33)

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#8 27.02.2025 19:45:40

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Emil Hari

Auch der „Brief an Emil Hari“ muss in einen präzisen Kontext gestellt werden. Im vorausgehenden Beitrag habe ich meine starke Bindung an die Gemeinschaft dargestellt. Hätten da lauter „feine Leute“ das Sagen gehabt, hätte ich womöglich den rechtzeitigen Ausstieg verpasst. Es brauchte starke Kräfte, mich aus der Gemeinschaft zu vertreiben.

So überaus wertvoll die „Nest-Funktion“ der Gemeinschaft war, sie war kein Ort „zum Bleiben“. Für meine Grossvater-Generation mag das noch anders gewesen sein; die mochten in diesem Umfeld noch zum Ziel ihrer Entwicklung gekommen sein. Von später Geborenen ist anderes gefordert, jedenfalls was mich betrifft, anderes, was ein ganz anderes Umfeld notwendig macht, wo weitere Horizonte ins Blickfeld rücken müssen. Es war also zu meinem Besten, da vertrieben zu werden.

In dieser ganz präzisen Konstellation – schier „ideale“ Nestfunktion einerseits, die mächtig zum Bleiben verführen will, und völlig andere Entwicklungsnotwendigkeiten auf der andern Seite – brauchte es „Zentrifugalkräfte“, „Wegschleuderer“, Durchschneider geistiger Nabelschnüre. Diese Rolle ist „undankbar“; sie sieht an der Oberfläche hässlich aus, ist aber doch notwendig.

Bei alledem musste viel Versöhnungsarbeit geleistet werden – das tut sehr gut, und es bleibt „work in progress“, immer noch nicht ganz abgeschlossen, wie auch der Brief durchblicken lässt.




Lieber Emil Hari

Auch mit dir muss und will ich mich auseinandersetzen. Es hilft ja nicht weiter, Weggefährten, besser gesagt „Wegkreuzer“, einfach wegzuschieben, weil man sie spontan „nicht so doll“ findet. Wenn wir dich „wegschleudern“, sind wir auch nicht besser als jener Prophet in seinem Zorn. Und immerhin hast du mit deinem Wirken entscheidend zu meiner Emanzipation beigetragen – und zur Emanzipation mancher anderer, will ich annehmen – das ist nicht wenig.

Es lag nichts Gutes in der Luft bei deinem Besuch in unserem Haus. Es ging keine wohlwollende Wärme von dir aus. Du hast uns Kinder kaum beachtet. Deine mitgebrachten Nichten hatten keinerlei Ausstrahlung. Kinder spiegeln doch stimmungsmässig ihre Herkunfsumgebung. Da war nichts Inspiriertes spürbar. Das war der Anfang unserer Begegnung.

Jetzt sage ich etwas über deine Mitbrüder. (Spätestens) nach deinem „Prophetengedonner“ hättest du einen Mitbruder gebraucht, der dir väterlich die Hand auf die Schulter gelegt hätte: „Schön, dass du dich so eifrig bemühst! Komm jetzt wieder auf den Boden zurück.“ Oder, wie es an Petrus gewandt so liebevoll formuliert wurde: „Steck dein Schwert wieder in die Scheide“. – Aber da war keiner, der solche Souveränität gehabt hätte. Das war nicht dein Fehler. – Dass du zu jener Zeit wiederholt an entscheidenden Wendepunkten angereist bist und federführend präsent warst, deute ich dahin, dass offenbar Verunsicherung herrschte und man sozusagen „Verstärkung“ aus den USA herbeigerufen hat. Der Kommentar von Karl Hermann nach deiner Betrachtung tönt ja, als ob da eine „Erlösung aus grosser Not“ stattgefunden hätte. Verzagtheit also unter den Ältesten – und du als unverzagter Erlöser, der mutig „Klartext“ verkünden konnte?

Das hätte ich mir damals nicht vorstellen können und kommt als These erst heute, beim Schreiben dieser Zeilen, vor meine Seele. Man kann eine Sache wirklich erst verstehen, wenn man alle Wertung abgelegt hat. Jetzt wird auch klar, warum man diesen „Klartext“ munter mitstenographiert hat: um „etwas in den Händen“ zu haben, an dem man „sich festhalten“ konnte. Ich kann es schier nicht fassen, es sprengt nochmals alle meine Bilder und Vorstellungen – jene von damals ohnehin.

Seltsam, ich hatte doch über jenen „Impuls der Seelenangst“ nachgedacht – aber einfach nicht weit genug. „Verzagtheit der Ältesten“ war einfach jenseits meiner Vorstellungskraft. Dabei leuchtet doch ein: Wenn über all diese Trennungsgeschichten und Ausschlussorkane schätzungsweise die Hälfte aller je ernannten Ältesten ausgeschieden wurden – und zwar jeweils die eher liberaleren, integrativen – dann fehlte dem „Korpus der Verbliebenen“ eben die „bessere Hälfte“. Da war „Substanz“ verloren gegangen, das schwächte.


Diese „gesammelte“ Dynamik kann man keiner einzelnen Person anlasten. Du warst da nur der Exponent. Dein Verdienst war, die Sache so zu überspitzen, dass dieser Geist des Ausschliessens und Wegschleuderns ans Tageslicht gehoben wurde (was solchen Geistern gar nicht gefällt) – das war verdienstvoll.


Wir sind alle noch unterwegs, jenseits aller Schwellen und Schranken. Das Land, wo du jetzt weilst, ist ja kein „Ruheland“ – es ist Geistesland, und der Geist will immer tätig sein. „Selige Ruhe nach des Tages Lasten“ ersehnen wir allenfalls, um endlich in Ruhe arbeiten zu können. Geh also deinen Weg weiter. Denn es gilt ja immer noch der Impuls der Ernsthaftigkeit in dem, was wir letztlich anstreben. Dazu gehört, auch mal ein Stück weit in die Irre zu gehen. Lass dich davon nicht anfechten, und strebe nach einem unverzagten Herzen.

Das wünscht dir einer, der dir im Oktober 1953 in Basel aufmerksam zugehört hat.



PS  Der link zur Hari-Betrachtung vom 11. Oktober 1953 in Basel findet sich im zweiten Beitrag der Rubrik „Predigtinhalte“

Beitrag geändert von Basler (10.11.2025 16:02:18)

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#9 13.04.2025 15:06:02

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Brosamen,
die von des Herrn Tisch gefallen sind


Um das Jahr 1830 herum (ca. 1829-31) verfasste Fröhlich eine Sammlung „theologischer Aphorismen“, teils in Tagebuchform (datiert), später aber in eine thematische Reihenfolge gebracht. Die Betitelung als „Brosamen“ meldet Verzicht auf „höhere theologische Ansprüche“ an; die Geste des Suchens gebietet und verdient Respekt. – Beim Durchstöbern werde ich an den Besuch eines Brokenhauses erinnert, wo man gelegentlich auf altehrwürdiges Handwerk stösst und allerhand Brauchbares findet. Die Gedankengänge (oder „Leitsätze“?) sind nummeriert; in den Teilen I und II sind es je deren 122.

Der erste Leitsatz, datiert vom 21. Dezember 1829, umschreibt die sieben Stufen einer Heilsordnung in Analogie zu den sieben Schöpfungstagen: Berufung – Glaube – Wiedergeburt – Rechtfertigung – Heiligung – Versiegelung – Verherrlichung. Das greift tief und ruft nach weiterer Vertiefung. Man könnte darin Ansätze zu einer Geisteswissenschaft erkennen; solche Vertiefung hat später anderswo stattgefunden.

Überrascht war ich beim Satz 17, wo der Unterschied zwischen „Sünde tun“ und „Sünder sein“ herausgearbeitet wird. Ich fand in Teilen fast wörtliche Übereinstimmung mit dem, was ich unter „Sünde und Taufe“ notiert habe. – Zur Taufe fand ich dann auch noch Bemerkenswertes. Ich zitiere wörtlich aus Satz 22: „Ich lasse gelten, dass die Kindertaufe ihren Wert habe, wenn hernach, wie bei Luther u.a. –, durch Gottes Erbarmen, der Glaube & die Wiedergeburt erfolgen ...“ Da ist die Glaubenstaufe nicht mehr (besser: noch nicht) dogmatisch verabsolutiert.

Zum Schluss – ach! – noch eine Perle als Anregung & Wegzehrung für den Tag: Satz 33. „Die Kreatur seufzet & der Geist seufzet auch, aber es ist ein verschiedenes Seufzen. Das Seufzen der Kreatur geht nach der Erlösung von dem Dienst der Vergänglichkeit, aber das Seufzen des Geistes danksaget für die Erlösung von dem Dienst der Ungerechtigkeit (Röm. 8, 18 ff).“ Seufzen war vielleicht die basale Geste in der Gemeinschaft, wie ich sie erlebt habe. Es tönt nach Heimat. Der Gesang war veredeltes, verklärtes Seufzen.

Beitrag geändert von Basler (10.11.2025 16:08:53)

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#10 06.05.2025 11:56:29

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Der Baum der Erkenntnis und das Böse – eine sommerliche Betrachtung

Voraus nochmals deutlich: Das Religiöse soll die Seele stärken, indem Fähigkeiten wie Ehrfurcht (gegenüber einem Grösseren – und Verbundenheit mit diesem), Demut, Einkehr und Zuwendung zum Geistigen, Mut, zu seiner Überzeugung zu stehen, und viele andere geübt, gepflegt und hochgehalten werden. – Diesbezüglich spielt die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gruppierung eine untergeordnete Rolle. Stellen wir uns einen strenggläubigen Fellachen irgendwo im nahen Osten vor, und auf der andern Seite einen strengkatholischen Bergbauern: in der ganzen religiösen Grundhaltung werden wir hochgradige Übereinstimmung finden – bis hin zu einer gewissen Sturheit, weil Alternativlosigkeit, unverrückbare Gebundenheit an eine (einzig verfügbare) Tradition: beide können nicht anders, und beide würden ihre Söhne in ihre Richtung prügeln. – Das, worauf es wirklich ankommt, nämlich das Durchdrungensein vom Christus, liegt auf einer ganz andern Ebene als jener von konfessionellen Regeln, Riten, Dogmen und Credos. Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit; Konfessionelles kann dafür förderlich sein, aber auch hindern.


Nun aber zum Thema. Im Garten Eden stand der „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“. Davon sollte der Mensch nicht essen – bei Androhung „des Todes zu sterben“, und zwar gleichen Tages (1. Mos. 2.17). Das ist ein sehr seltsames Verbot, in mehrfacher Hinsicht, und es lohnt sich, genauer hinzuschauen und sich damit auseinanderzusetzen. Denn Erkenntnis ist doch für uns alle ein hoher Wert, und die Unterscheidung von gut und böse ist ein elementarer, unverzichtbarer Kompass auf unseren Wegen.


Unsere Zeit ist dadurch gekennzeichnet, dass das Böse nicht nur einfach „überhand nimmt“, sondern geradezu überbordet. Es geht nicht mehr „nur“ um „töten“, sondern um Genozide, um industrielles – technisches, chemisches, atomares – Massenmorden, darum, den „Gazastreifen flachzuwalzen“ und Städte „auszuradieren“. Daneben wird der Planet von „unschuldigen“ Bauern mit Düngemitteln und Pestiziden vergiftet und die Luft von einem Heer ebenso Unschuldiger (dem wir alle auch angehören) verpestet. Es muss auch dem letzten Betrachter einleuchten: Da drängt sich etwas mit enormer Wucht in unser Gesichtsfeld, weil es wahrgenommen werden will. Das Böse fordert uns heraus, es will erkannt werden, es zwingt uns, uns mit ihm (und mit uns selbst) auseinanderzusetzen – es sehnt sich nach Erlösung. – Wenn dergestalt das Erkennen des Wesens des Bösen Kernaufgabe unseres Zeitalters ist, dann hätten wir doch eigentlich grossen Bedarf an jenen paradiesischen – aber verbotenen – Früchten. Wobei Erkenntnis ja durchaus auch dazu missbraucht wird, neue Waffensysteme und Massenvernichtungsmittel, Düngemittel und Pestizide zu entwickeln. Eben ein zweischneidig Schwert.


„Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde“ (1. Mos. 1.27). Aber erst nach dem Sündenfall, im Kap. 3.22, hält er fest: „Siehe, Adam ist geworden wie unsereiner, und weiss, was gut und böse ist“. Das Ausmass der Gottähnlichkeit hat sich durch den Sündenfall substanziell erhöht. Das Nichtwissen um gut und böse war eher ein Zustand tierähnlicher Unschuld, ebenso wie jene vormalige Abwesenheit von Scham bezüglich der Nacktheit. Mit der Fähigkeit zur Erkenntnis war auch die Schuld- und Schamfähigkeit verbunden.


Mit dem Schlüsselereignis des Apfelverzehrs hängt sodann der Erlösungsbedarf der Menschheit zusammen, und damit die ganze Heilsgeschichte. Es ist ja kaum vorstellbar, wie die Menschheitsentwicklung hätte vonstatten gehen können, ohne Erkenntnisfähigkeit, ohne Unterscheidungsvermögen von gut und böse. Tierähnlich wären wir geblieben, paradiesisch unschuldig zwar, aber – so meine Vorstellung – doch irgendwie langweilig. Da hätte das „Salz der Erde“ irgendwie gefehlt. Der ganze Zusammenhang bleibt ein grosses Geheimnis, aber mir scheint, dass Erkenntnisfähigkeit nicht nur zum Menschen einfach „dazugehört“, sondern ihn wesentlich, im Kern, „ausmacht“, und dass somit die Geschichte, wie sie verlaufen ist, so sein musste und im Plan lag. Vielleicht hatte das Verbot den Sinn, die Entwicklung zur Erkenntnisfähigkeit zu verzögern, auf einen späteren Weg zu verweisen – weil die guten Geister der Familie Adam vorerst noch einen etwas längeren Aufenthalt in Eden gegönnt hätten. – Eine andere Möglichkeit des Verständnisses: Eine gewollte Verknüpfung von Erkenntnis und Schuldfähigkeit: Ihr sollt zur Erkenntnis kommen, aber das hat den Preis der Schuldhaftigkeit. Ihr sollt wahre (erkennende) Menschen werden, aber Erkenntnis von gut und böse macht nur Sinn, wenn ihr auch zu Bösem fähig seid. Oder – das ist doch die Krux – „der Weg zur Erkenntnisfähigkeit führt über die Übertretung eines Gebotes; Schuld ist der Preis, den ihr für die Erkenntnis zu bezahlen habt.“

Dieses Thema taucht später in unterschiedlichen Zusammenhängen wieder auf. Ich greife ein Beispiel heraus: Der verlorene Sohn geht durch Schuld und Elend, kommt dann zu Einsicht (Erkenntnis), was den Vater hoch erfreut. Zum Vergleich: Sein Bruder, der unschuldig im väterlichen Paradies geblieben ist, blickt griesgrämig (ohne Erkenntnis) auf den gefeierten Rückkehrer und auf das gemästete Kalb.

Ein solches Verständnis wirft ein klärendes Licht auf die Bedeutung des Bösen. Das Böse bereitet den Schock der Erkenntnis vor und schreit anschliessend nach Erlösung. Kritisch wird es, wenn die Menschheit derart eingelullt ist, dass der Schock nicht mehr aufweckt, der Schrei nicht gehört wird. Dann kommt es im geistigen Stoffwechsel zu Verstopfungen und Blähungen.


Bezüglich der GET habe ich den Eindruck, dass es dort eine Sehnsucht zurück zum Paradies gebe: am liebsten hinter alle Erkenntnis zurück, zur tierähnlichen Unschuld. Weil ich kürzlich mich zu dem Empfehlungen zur ehelichen Sexualität geäussert habe: Eine einzigmögliche Stellung bei der Begattung gibt es bei den Tieren; der Nichtgebrauch der Hände soll den Umgang tierähnlich unschuldig gestalten. In diesem Zusammenhang möchte ich deutlich aussprechen: Der durch solche Regeln (die ich nur durch dieses Forum kenne) umschriebene „Verkehr“ gemahnt mich eher an eine Vergewaltigung. – Folgerichtig zu dieser Unschuldssehnsucht passt der andernorts erwähnte fehlende Impuls der Erkenntnis und Entwicklung. Die Lust am Lernen, Neugierde und Interesse als liebevolle Hinwendung soll dort nicht sein. Lustfeindlichkeit kann man auch lesen als Mangel an Dankbarkeit für herrliche Gaben; Lust zu empfinden bedeutet auch Dank zu sagen an den Schöpfer für diese Schöpfung, die er bei jedem Schritt explizit als gut befand – das habe ich mit Freude wieder einmal gelesen, als ich für diesen Beitrag die Geschichte nochmals durchgegangen bin.

Erkenntnisfähigkeit ist eine Gabe, auf welchem Weg und zu welchem Preis wir sie auch mitbekommen haben. Wir sind verpflichtet, diese Gabe zu nutzen und zu gebrauchen – uns zur Aufgabe zu machen. Es gibt keine „Unschuld durch Nichtgebrauch“.

Die Frage nach dem Bösen darf nicht vorzeitig befriedet werden, sonst ist sie nicht ernstgenommen. Das Böse in uns und in der Welt will erkannt werden, befragt auf sein Wirken, verdankt für die Entwicklungsschübe, die uns daraus erwachsen sind, aber dann auch klar in die Schranken verwiesen mit der Seelenstärke, die wir inzwischen hoffentlich gewonnen haben. Und dann, wenn wir uns den notwendigen Zugang auf Erkenntniswegen erkämpft haben, können wir um die Geisterlösungsmächte bitten. Denn das, was durch das Erlösungswerk als Möglichkeit eröffnet ist, will durch unser Mitwirken konkretisiert werden. – Deshalb melde ich mich doch auf diesem Forum zu Wort, an die Adresse einer Gemeinschaft, die so viel Potential (guten Willen) hätte, das aber wegen ein paar Verbohrtheiten einfach nicht so richtig zum Tragen kommen kann.


Wir müssen uns, wenn wir die Ernsthaftlgkeit dieser Fragen erfasst haben, auf den Weg machen; für Kaspereien über Haartrachten, Schnurrbärte, Rocklängen, Albert-Anker-Bildchen und die Position von Grabsteinen ist da kein Raum. Ihr verpasst sonst das Essentielle, meine Lieben. Wie ich die Geschichte liebe vom Jesus, der den Tempel räumt.

Beitrag geändert von Basler (13.11.2025 14:21:35)

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#11 24.07.2025 17:58:42

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Altenpflege und die Bedeutung des Religiösen

Vor einigen Jahren bekam ich per Zufall die Abschlussarbeit einer Altenpflegerin in die Hände. Die Verfasserin gehörte der „vertragsamen Seite“ an und war daran, ihre Ausbildung in einem Altenheim dieser Gemeinschaft abzuschliessen. Zum Thema ihrer Arbeit hatte sie sich die Frage vorgenommen (sinngemäss): „Wie kommt eine Orientierung an  Fröhlichs Lehre in der Altenpflege zum Ausdruck?“ Ich fand die Fragestellung interessant; das Bemühen darum hat mich beeindruckt; es war aber natürlich nicht gerade einfach, zu Ergebnissen zu kommen. Denn die Standards professioneller Pflege sind heute so hoch, dass es schwierig ist, aus der Perspektive Fröhlichs noch eins draufzusetzen.

Möglicherweise hätte ein kleiner „Dreh“ in der Fragestellung weitergeholfen: Ein kleiner Ausflug über das Ich. Die Frage hätte dann gelautet: Was bedeutet es, ganz konkret, wenn  i c h  eine mir anvertraute Person pflege? Was ist meine „pflegerische Handschrift“? Was ist  m i r  dabei wichtig? Worauf würde ich niemals verzichten, welche „roten Linien“ würde ich nicht überschreiten, wo würde ich mich allenfalls einer Anweisung widersetzen? Wo setze ich meine Akzente? Dann wären vielleicht auch benachbarte Fragen ins Licht gerückt, zB „was ‚nährt’ mich seelisch bei dieser Arbeit, woraus schöpfe ich Kraft und Befriedigung?“

Wenn solche Auslegeordnung stattgefunden hat und die Elemente benannt und aufgelistet sind, wäre dann in einem zweiten Schritt zu fragen: „Und woher kommen diese Elemente?“ Einige davon wären zweifellos mit einer „Fröhlich’schen Prägung“ in Verbindung zu bringen gewesen. Bei andern wäre man vielleicht sogar tiefer vorgedrungen, im Grenzfall bis zum eigenen Wesen: Ich bin so, das ist mein Ding, das treibt mich in diese Richtung, „etwas in mir“ will das so. – Und dann könnte man möglicherweise auf Zusammenhänge, Verbindungen stossen: „Dieses ‚Etwas in mir’ war oder ist in diesem Fröhlich’schen Umfeld gut aufgehoben, findet da Nahrung, hat da gute Bedingungen zum Gedeihen.“ – Und dann vielleicht sogar: „Ja, und dieser ‚Mix’ (von Eigenem und Umfeld) hat in einem solchen Berufsfeld gute Chancen, zur Wirkung zu kommen, sich zu realisieren. Deshalb passe ich da gut rein.“

Damit hätte – so ganz „nebenbei“, als Nebenwirkung einer Abschlussarbeit – auch die Bedeutung des Religiösen neue, klare Konturen bekommen: Es gibt so etwas wie „mein eigenes Wesen“, sodann gibt es eine schicksalhafte Fügung, die mich in eine Gemeinschaft (bestimmter Prägung, die Religiös-Tradiertes pflegt) versetzt, die mir – im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Grenzen – dies und jenes vermittelt und mich in meiner Bedürftigkeit beschützt und in meiner Unfertigkeit fördert, später auch fordert, und dann gibt es drittens einen Weg, auf dem aus mir allmählich eine „Figur“ wird, die weiter strebt: Gnadenlos ich-wärts („unverrückt dem Heiland zu“), bis zur Selbstverleugnung.

Beitrag geändert von Basler (16.11.2025 16:23:07)

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#12 10.09.2025 14:54:09

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Versuch eines „historische Überblicks“

Die Welt – auch die „Versammlungswelt“ – stellt sich uns in Bildern, in Vorstellungen dar. Diese sind immer etwas „krumm“, leicht verzerrt, unvollständig, unfertig. Und sie tendieren zu Fixierungen, sie erstarren, und verlieren dabei „Leben“. Solche Vorstellungswelten müssen in unseren Seelen „stets neu erschaffen“ werden, nochmals neu bedacht, nochmals mit einer zusätzlichen Perspektive versehen. Dann werden sie lebendig, dann können sich Bilder wandeln, dann kann Erkenntnis stattfinden und sich vertiefen. – Der folgende Versuch möge als Wegstück auf einer solchen Erkenntnisreise dienen, als Anregung zum Weiterdenken.

Im Zug der Beschäftigung mit der Trennungsgeschichte hat sich für mich so etwas wie ein „Überblick“ über das Werden der Gemeinschaft ergeben, mit erkennbaren Phasen im Rhythmus von jeweils einer Generation. Es geht zunächst nur um ein Beschreiben. Rhythmus, Entwicklung, Bewegung – anstelle von diesem Brei eines Immergleichen.


Die erste Phase umfasst das Wirken von S.H. Fröhlich zu seinen Lebzeiten, beginnend um etwa 1830, damals noch Pfarrer in Leutwil, und endend mit seinem Tod 1857 in Strassburg. Darüber berichtet ausführlich das Buch von Garfield Alder: „Die Tauf- und Kirchenfrage in Leben und Lehre des Samuel Heinrich Fröhlich, VDM, von Brugg 1803-1857“. Da kann man rätseln über die wirklich entscheidenden „geistigen Treiber“. Mir scheint bedeutsam, dass all die Seelen, bei denen er Resonanz fand, auch wesentlich ihr eigenes Substrat mitbrachten, sodass die entstehende Bewegung eher den Charakter eines „Sammelbeckens“ hatte, in dem der Gründer selbst bald keine sehr zentrale Rolle mehr spielen sollte.

Die zweite Phase beginnt 1857 und endet in den späten 1880ern. Man könnte sie mit dem Kennwort „Latenzzeit“ versehen, analog zum zweiten Jahrsiebt der Kindheitsentwicklung. Die Gemeinschaft beginnt, auf eigenen Beinen zu stehen, wobei Fröhlich ja schon in seinen letzten Lebensjahren nur noch ein seltener Gast gewesen war. In dieser Phase hat eine überwiegende Mehrheit der Mitglieder Fröhlich noch persönlich erlebt. Die Gemeinschaft muss ihre Formen finden und festigen, wobei die lokalen Gruppen sich weitgehend autonom organisierten und ihre Ältesten selbst wählten. Ich kann mir vorstellen, dass sie in dieser Zeit deutlich gewachsen ist.

In die dritte Periode fallen bereits die Trennungswirren. Wenn wir bei der Analogie zur „Entwicklungspsychologie“ bleiben wollen, befinden wir uns jetzt in der Phase der Adoleszenz (drittes Jahrsiebt): Halbwüchsige, allein zu Hause, erproben ihren Mut und machen Dummheiten. Diese Zeitspanne beginnt mit den Vorboten in den späten 1880ern, setzt sich fort in den allmählichen Eskalationen in den 1890ern, und endet ca. 1908 mit dem letzten (mir bekannten) formellen Trennungsprotokoll einer lokalen Gemeinde. – Nur eine rasch abnehmende Minderheit hat in dieser Phase noch eine persönliche Erinnerung an Fröhlich.

Die folgende vierte Generationenphase würde ich als post-traumatische Zeit kennzeichnen. Dass man sich im Januar 1940 nochmals zu einer Aussprache der beiden Seiten traf, spricht dafür, dass man sich gegenseitig noch sehr präsent vor Augen hatte und aufeinander bezogen war. Diese Aussprache und ihr deutlicher Ausgang setzte dem „Nachtrauern“ wohl ein Ende. – In dieser Phase galt es – gemäss Erzählungen und meinen damaligen Einblicken in Familiengeschichten – noch als „Normalfall“, dass sich die meisten Kinder aus gläubigen Familien bekehrten.

In der anschliessenden fünften Phase (die Zeit meiner Kindheitserfahrung in der Gemeinschaft) entwickelten sich die beiden Seiten deutlich auseinander. Auf der liberaleren Seite wurde weiter liberalisiert, erkennbar zB an der Haartracht der Frauen, später etwa auch an der Einführung einer theologischen Ausbildung der Lehrenden. – Auf der strengeren Seite wurden Tendenzen in Richtung einer Radikalisierung erkennbar; es betraf dies zum einen jene bekannten „Gesetzlichkeiten“, dann aber auch die zunehmende Kontrolle und Abhängigkeit von den Leitenden, sodann auch die immer häufigeren Ausschlüsse. Es entwickelte sich ferner eine zunehmende Machtkonzentration bei einzelnen Ältesten, die darin gipfelte, dass Emil Hari in den USA alle Mitältesten in die Wüste schickte. – Ein Kennzeichen dieser Zeitspanne war die allgegenwärtige Klage darüber, dass sich kaum noch jemand bekehre. Bekehrungen wurden in den späten 50ern wie eine Art „Wunder“ gesehen. – Es gab Abwanderungen ganzer Familien auf die „andere Seite“, während mir kein einziger Wechsel in der Gegenrichtung bekannt ist.


Am Ende dieser fünften Phase, Mitte der 1960er Jahre, verliert sich die Geschichte aus meinem Blickfeld; über die weiteren Entwicklungen kann ich nicht mehr viel sagen. Ausser dieses: Es ist gut, dass es viele, unterschiedliche Gemeinschaften gibt, wo neu ankommende Wesen einen guten, für sie geeigneten „Wiegeort“ finden können – als Ausgangspunkt für ihre Entwicklung, nicht als Zielpunkt. – Damit das so bleibt (dass es diese Gemeinschaften gibt), müssen einige auch bleiben; ihnen ist dann auferlegt, die Gemeinschaft von innen her weiterzubringen. – Das war nicht mein Weg.

Hingegen hat die Beschäftigung mit der Geschichte der Gemeinschaft mich nochmals in überraschender Klarheit auf meine durchgehende Verbundenheit verwiesen. Ich habe da nicht „von aussen“ zugeschaut, sondern die Nöte der Damaligen miterlebt. Etwa bei der Schilderung des Auftritts des Ältesten Pfau aus Aarau in seiner Betrachtung im Sommer 1902 an der Berner Junkerngasse: Wie er mit seinen Fäusten auf das Pult gehämmert hat („in seiner bekannten Art“) und dabei kurze Sätze wie „denn es müssen Rotten unter euch sein“ (vgl. „Nagold“, 60 Jahre später) skandierte, den Satz „Ich muss aber das befehlen“ (Zitat aus 1. Kor. 11, 17), gar vier Mal. Als ich das las (zit. aus einem Brief von Fritz Meister an Caspar Leuthold, beide damalige Älteste) wurde mir schal; es traf mich als einen, der an dieser Geschichte und an dieser Gemeinschaft teilhat als an einem „Stück von mir“, jedenfalls einem Stück Heimat, Stammland.

In solchen Augenblicken schwindet die Stimmung des Verharmlosens im Sinn von „war halt so, die wussten das halt nicht besser“. Ereignisse wie Pfaus Auftritt dürfen schon klar benannt werden. Trat da nicht, 30 Jahre später, einer auf mit solchem Gehabe – einer mit Schnauz!, und übrigens auch so ein Reinheitsfanatiker. Da möchte man plötzlich selber auch die Schnäuze verbieten, wenn das denn weiterhülfe. Aber dann, nach dem Benennen, Beklagen und Beweinen, kann man getrost sagen: Ach, der liebe Bruder Pfau aus Aarau hatte den Notruf des lieben Bruders Schmid aus Bern gehört, dass das so nicht weitergehen könne, dass einige Mitälteste nicht miteifern mochten. Seine (Pfaus) Emotionalität rührte daher, dass er dem Berner Mitbruder aus seiner Not helfen wollte. – Wir verrennen uns allemal aus überaus edlen Motiven.

Beitrag geändert von Basler (26.11.2025 12:59:48)

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#13 26.11.2025 14:30:50

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Stichworte „Sammelbecken“ und „Wiegenfunktion“

Wenn eine Seele hinieden ankommt, bringt sie geistig zwei „Erbschaften“ mit: Eine Erinnerung an ihre Herkunft – Blickrichtung zurück – und Keime eines Zielplanes – Perspektive nach vorne. Diese letztgenannten Keime nehmen aber erst später allmählich Gestalt an; seelisch viel präsenter ist zunächst der Herkunftsblick. Deshalb ist das Kind in erster Linie konservativ; es braucht „Schutzraum“, nicht „Weltoffenheit“. Parzivals Mutter schirmt ihren Sohn sorgfältig von der „Zeitkultur“ ab; das ist dort Grundlage für eine später überaus starke Persönlichkeitsentwicklung. – In diesem Sinn sprach ich andernorts von einer positiven „Wiegenfunktion“ der Versammlungs-Subkultur. Eine solche Abschirmung liess  sich in ländlicher Umgebung eher realisieren als in einer städtischen.

These also (in Fortsetzung des „historischen Überblicks“, Stichwort „Sammelbecken“): Für Seelen mit einer stark entwickelten „Erinnerungskultur“ an geistig Tradiertes, auch vor langen Zeiten Erworbenes, war die Botschaft Fröhlichs und (stärker noch) die Gemeinschaft, die daraus entstand, eine „geistige Gegend“, wo diese Erinnerungen aufleben konnten und Pflege erfuhren. Das kürzlich (vgl. „Brosamen“) als ein Ausdruck der „Versammlungs-Grundstimmung“ charakterisierte Seufzen ist ein Kennzeichen des in Erinnerung Schwebens, der Nostalgie, der Wehmut. – Im (späteren) Keimen des Zielplanes herrscht eine ganz andere Gestimmtheit. Da stolpert, ja torkelt dieser Parzival, der sich „auf den Weg begeben“ hat, naiv in eine ihm fremde Welt hinein und erlebt eine Erschütterung nach der andern, wobei jede jeweils vorangehende auf die nächstkommende vorbereitet. So sehen Prozesse der Reifung aus.

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#14 27.11.2025 13:46:20

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Picasso

Heute schreibe ich etwas zum Thema „Weltoffenheit“. Irgendwann läuft ja der Bedarf nach einer „Wiegenfunktion“ aus.

Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, für die Gemeinschaft die Trennungszeit, war für die „restliche Welt“ eine Aufbruchzeit ohnegleichen: Die Geburt der Moderne, beschrieben z.B. von Florian Illies, (Titel) „1913“ (ein Geschichtsbuch, kein Roman). Da malte Picasso das Gesicht einer Frau von gleichzeitig zwei Perspektiven: Dem vorsintflutlichen „entweder-oder“ stellte er keck ein „sowohl-als-auch“ gegenüber. Steiner ging noch weiter und postulierte, dass wir an jede Frage jederzeit aus einem neuen Blickwinkel herantreten können, mit garantiertem Erkenntnisgewinn. Ihr braucht das nicht zu „glauben“, probiert es einfach aus, es ist jedenfalls eine gute Übung. Oder, ein weiteres Beispiel: Kafka definiert mit seinem „Prozess“ völlig neu, was ein „Roman“ sei: Nicht ein Geschichtlein, wie ein Hanneli zu seinem Sepp findet, sondern die Schilderung eines real erlebten Kampfes mit Geistern. Und in der Musik stellt Schönberg unsere Begriffe von „Harmonie“ in Frage und bereitet uns darauf vor, auch auf „ganz andere Töne“ zu achten. Es gibt tatsächlich künftig „weit bessre Lieder / als je ein Zion sang“ – aber wir müssen uns darauf erst hinarbeiten, dazu durchringen.

Ich war in dieser „Gemeinschaftswiege“ aufgewachsen und hatte das Bild von der „bösen Welt“ zutiefst internalisiert. „Welt“ war einfach Inbegriff allen Übels. „Welt“ war, ob ausgesprochen oder nicht, schlechthin das Gegenteil von „wir“, die Gemeinschaft der Guten. „Wir“ machen das so, hiess es, „sie“ werden – hoffentlich nicht zu spät – schon noch erkennen müssen, wie verderblich schief sie liegen. Ich hatte das wirklich „mit der Muttermilch“ eingespeist bekommen, es war meine Haltung durch und durch. – Auf dem späteren Erkenntnisweg war die Überwindung dieser Haltung eine der härtesten Hürden: Einzusehen: Die Welt ist Gottes Schöpfungswerk; er hat es für gut befunden. Zum Schöpfungswerk gehört der Mensch, der zur Mitgestaltung in Freiheit bestimmt und aufgerufen ist.

Der Mensch muss sich geistig entwickeln, wenn er kompetent mitgestalten soll. In dieser Entwicklung ist der Schritt beispielsweise von einem Entweder-Oder zu einem Sowohl-Als-Auch ein gewaltiger. Da hat ein Picasso Gewaltiges geleistet und dabei die „Aufgabe der Malerei“ (im Dienst der Entwicklung der Menschheit) völlig neu definiert. – Nicht alle sind wir Genies; aber jeder kann sich redlich bemühen, seinen Gesichtswinkel zu erweitern. Stellen wir doch – bitte, nur einen kurzen Augenblick! – den Gegensatz zwischen dem, was sich in jenem Jahrzehnt „in der Welt“ getan hat, und der Engherzigkeit des Trennungsgeschehens vor unsere Seelenaugen.


Wenn die Welt noch nicht ist, wie sie sein sollte, hängt das mit der Mangelhaftigkeit unserer Gestaltungsbeiträge zusammen. Wer hat denn, in jenem Jahrzehnt, welche Beiträge geliefert?

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#15 03.12.2025 15:47:40

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Trost – der Hebräerbrief

Kürzlich habe ich zu meinem Erkenntnisweg berichtet, wieviel Kraft es gekostet hatte, demütig gelten zu lassen, dass „die Welt“ Werk des Schöpfers ist und dass Christus alle Menschen liebt. Auf jenem Weg bin ich irgendwann auf den Hebräerbrief gestossen und habe daraus viel Trost erfahren.

Wenn sich zu Paulus Zeiten Juden bekehrten, hatten sie eine zusätzliche Seelenleistung zu erbringen. Durften sie zuvor die Gewissheit hegen, dem einzig-auserwählten Volk Gottes „nach der Ordnung Melchisedeks“ per Erbfolge anzugehören, war solche Erbschaft nunmehr mit Geschwistern aus allerlei Heidenvölkern zu teilen, und zwar nicht nur mit gebildeten Griechen, das wäre vielleicht noch zu verkraften gewesen, sondern auch mit Barbaren keltischer, germanischer, ja ungarischer Herkunft.

Ja, galt denn jetzt noch Gottes Bündnis mit Abraham, das von Melchisedek eingesegnet worden war? Wie liebevoll erklärt Paulus den Hebräern, dass die „Ordnung Melchisedeks“ keineswegs aufgehoben sei, und dass Gottes Versprechen an Abraham nicht nur weiterhin gelte, sondern mit Christus gerade eben eingelöst worden sei.

Betrachten wir ganz genau, was im Kap. 5, Vers 6 ff (bewegend auch die Verse 11 ff) festgehalten ist: Christus als Bestätigung (und eben nicht als Infragestellung) jenes Bündnisses. Frei formuliert: Ist ja gut, das Althergebrachte durfte sein, hat immer noch seine Geltung, aber jetzt ist Entscheidendes dazugekommen. Eine Wegstrecke vom Versprechen zu seiner Erfüllung ist zurückgelegt – jetzt beginnt eine neue Wegstrecke, auf einer neuen Ebene. Was bisher fleischliche Vererbung war, wird geistige Erbschaft. War jene gratis qua Geburt, erfordert diese ein Tätigwerden, eröffnet aber eine höhere Gerechtigkeit, indem auch Kelten und Iberer ihre Chance bekommen.

Für solches Tätigwerden braucht es (Vers 14) „starke Speise“ und „geübte Sinne“. Aber bei euch, klagt Paulus (Vers 12), muss man „ganz von vorne anfangen“ und euch „mit Milch ernähren“. – Man kann das, was ich als „Wiegenfunktion“ bezeichnet habe, nicht zutreffender formulieren. Und die Aufforderung, allmählich zu „stärkerer Speise“ fortzuschreiten, entspricht auch sehr genau dem, was ich hier zu vermitteln versuche. Was mir an diesen Paulusbrief-Passagen gefällt: So liebevoll formuliert, aber bezüglich Klarheit keinerlei Abstriche zulassend. So muss es sein.

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#16 10.01.2026 18:49:23

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Thomas Mann: „Joseph und seine Brüder“

Zunächst, liebe Leser, die besten Wünsche zum begonnenen 2026.

Es berührt mich zu sehen, wie auf dieser site immer wieder gesucht wird – wonach? – nach Nahrung, Anregung, vielleicht Orientierungshilfe, Ermutigung für die Wegfindung, oder was immer auch motivieren mag, da wieder und wieder reinzuschauen. Deshalb wage ich jetzt einmal einen grösseren Anlauf, einen Hinweis auf ein literarisches Werk, das mich ein grosses Wegstück vorangebracht hat. Das Werk heisst „Joseph und seine Brüder“, geschrieben von Thomas Mann in der Zeit zwischen 1926 und 1943.

Tief angesprochen hat mich schon das „methodische Vorgehen“ dieses bedeutenden Schriftstellers. Er lässt die Geschichte der Genesis von Abraham bis Ägypten in sich aufleben, lässt sie so lebendig werden, dass sie in ihm weiterlebt, sich weiterdenkt, vertieft, und dann über das Werk auch im Leser sich belebt und Wirkung entfaltet.

Ein Beispiel, damit das nicht so abstrakt tönt. Man bekommt mit, nicht nur dass, sondern wie sehr Joseph Kraft schöpft aus seinem Bewusstsein, ja Selbstverständnis, Werkzeug zu sein im Dienst höherer Planung. Da verblasst alles, was man bisher über „die Bedeutung des Religiösen“ gelesen, gedacht, gehört oder selber gestammelt hat. Da spürt man ganz einfach diese Kraft, sie ist faktisch da, als Wahrheit, als Evidenz, als Tatsache, die keinerlei „Beweis“ erfordert. Man kann solcher Kraft nicht mehr „näher rücken“, weil man in ihr ist.

Könnte man präziser fassen, was es heisst, ein „Wort“, eine Geschichte „lebendig werden“ zu lassen, und dieses Leben geneigten Lesern oder Hörerinnen zu vermitteln – und bei ihnen entsprechend wirksam werden zu lassen? Da kann kein Streit um „Bedeutungen“ entstehen, weil nunmehr immer neue, tiefere Bedeutungen aufscheinen, Reichtum ohne Ende, weil das Leben lebt und niemals vor irgendwelchen Festlegungen stehen bleibt.

Und dann gibt es in diesem Buch eine Passage – Titel: „Wie Abraham Gott erfand“. Blasphemie? Dann frage ich zurück: Wie will einer zum Göttlichen finden, ohne Arbeit mit Vorstellungskraft und Phantasie zu erbringen? Wir haben uns das Geistige – bei aller Wertschätzung schon geleisteter Vorarbeit – selber zu erarbeiten. Und der „Erfindergeist“ Abrahams ist eindrücklich. Er lebt noch archaisch in einer Selbstverständlichkeit des Menschenopfers, bis Gott selbst ihn eines besseren belehrt. Und wo seine ganze Traditionsumgebung Götter pflegt mit einem Narrativ aus der Vergangenheit – mit all diese Mythen und Sagen über Rivalitäten, Neidgeschichten und Streitereien – kommt Abraham zu einem Gott der Zukunft und der Verheissung, mit einer Planperspektive für die Entwicklung der Menschheit. Das ist geistig ein gewaltiger Schritt, epochal für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Auch wenn wir sagen mögen, das Göttliche habe „sich ihm offenbart“, so bleibt bestehen, dass es Geistesgrösse, „geistiges Format“, Fassungsvermögen erfordert, solche Offenbarung zu beherbergen und fruchtbringend in sich zu beheimaten.

Also, wer weiterkommen möchte, muss schon etwas dafür tun. Eine Möglichkeit in dieser Richtung ist, zur Kenntnis zu nehmen, was ein ganz grosser Geist uns vermitteln möchte. Offen zu sein für das, was sich uns offenbaren möchte.

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#17 29.01.2026 13:35:19

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Bildnis

„Du sollst dir kein Bildnis machen ...“ Das ist ernst zu nehmen. Gleichzeitig ist es aber doch so: Wenn ich betend vor den Vatergott trete, habe ich doch wohl eine Vorstellung davon, wem ich mich da in Ehrfurcht nähern möchte. Ich habe mir den „Widerspruch“ so zurechtgelegt: „Bildnis“ meint ein Verfestigtes, Definitives, das Kalb, in Gold gegossen, erstarrt, tot. Demgegenüber meine Vorstellungen, Ahnungen: Immer in Bewegung, lebendig, immer wieder neu, nie „abschliessend“.

Wenn ich mir beispielsweise vergegenwärtige, wie mein Leben eigentlich schlafwandlerisch verläuft, wie mein Bewusstsein auf träumerischem Niveau sich bewegt, wie es aber mit jedem Erkenntniszuwachs etwas wacher wird – wenn mir also dämmert, dass Wachheit eine dimensionale Grösse ist, die sich steigern muss Stufe um Stufe – dann kann es sein, dass ich mir Gott vorstelle als eine unvorstellbare (eben kein Bildnis, keine Vorstellbarkeit) Wachheit. Ich bleibe dann demütig: Wie sehr ich mich auch freuen darf, etwas wacher geworden zu sein – da gibt es noch Welten bis zu jener Wachheit.

Nur nebenbei zum Thema: Die ganze Trennungsgeschichte dokumentiert doch etwas eminent Schlafwandlerisches. So betrachtet können wir alles Wertende, Urteilende ablegen und friedlich sagen: Ja, wir müssen uns um mehr Wachheit bemühen. Denn in den Schlafwandel können sich allerhand Geister einschleichen, „Diebe in der Nacht“, weil kein Ich wacht.

Wir aber sind zum Wachen aufgerufen. Und es ist uns verboten, uns eine abschliessende Vorstellung von Wachheit zu machen.

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#18 04.02.2026 14:18:58

Basler
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Re: Samuel Heinrich Fröhlichs Glaubenslehre

Schwimmen lernen

Als Kind habe ich mich unendlich schwer getan, schwimmen zu lernen. Heute bin ich dankbar dafür, dass sich der Lernprozess so sehr in die Länge gezogen hat, dass er klar und deutlich beobachtbar, als Vorgang analysierbar wurde. Denn es gibt andere Felder, wo wir uns mit dem Lernen nicht weniger schwer tun, auch bis ins höchste Alter. Und die gleichen in vielen Aspekten dem Schwimmenlernen.

Also da gab es zuerst einmal diese schreckliche Angst, unterzugehen und keinen Atem mehr zu bekommen. Die Lernbemühungen waren ein Kampf gegen das Element Wasser. Dieser Kampf war nicht zu gewinnen, weil das Wasser jedenfalls stärker war. Ich konnte bald einmal das „Brettli“, der Kraft des Abstossens vom Beckenrand vertrauend. Solange diese Stosswirkung anhielt, war man in Bewegung begriffen; sobald aber der Schub auslief, war man froh, im untiefen Lernschwimmbecken zu sein. So wurde mir klar, dass ich im Lernbecken niemals zum Ziel kommen konnte. Der Reflex, mit den Füssen den sicheren Boden aufzusuchen, war nicht zu überwinden. – Also, ins tiefe Bassin wechseln. Zuerst übers Eck, auf sichere Brettli-Distanz, dann diese Distanz ganz langsam ausweiten, dann einen Beinschlag versuchen, dann mit den Armen mitrudern ... Und das alles läuft dann ja parallel mit einem seelischen Prozess: Mut fassen, Vertrauen gewinnen, in winzigen Schrittchen, die diesbezüglichen Seelenqualitäten nie überfordernd.

Und dann, langsam, allmählich, aber dennoch überwältigend: Die Erfahrung, dass das Wasser mich trägt. Im Gegenteil: Wenn ich untertauchen will, muss ich viel mehr Kraft aufwenden, als wenn ich oben bleibe. Das sind Augenblicke der Offenbarung; das Weltbild stellt sich vom Kopf auf die Füsse: Nicht gegen das Element Wasser ankämpfen, sondern mit ihm gehen und seine Kraft nutzen. Das hatte man zwar – theoretisch – vorher schon gewusst; das allein hatte aber nicht weitergeholfen. Jetzt hatte man es erfahren, das war etwas ganz anderes: Es wirkte, und niemand und nichts konnte einem diese Erfahrung wegnehmen.


Wenn ich mir Passagen aus der Rubrik „Busse und Bekehrung“ in diesem Licht nochmals vergegenwärtige, finde ich köstliche Parallelen. Da konnte ein Lernschwimmbecken nicht verlassen werden. Da wusste man „theoretisch“, dass das Gnadenwerk längst vollbracht war – und das half nicht weiter. Da reichte Mutfassung gerade einmal für eine Brettli-Länge.


Einen vergleichbar hartnäckigen Lernwiderstand – ich habe das anderswo schon angesprochen – habe ich beim Thema „persönliche Seelenrettung“ durchlebt: „Kann kein Bruder den andern erlösen!“ Hauptsache, ich bringe meine Seele ans rettende Ufer (schwimmen!) – dann soll meinetwegen die Welt untergehen, ein paar „liebe Brüder und Schwestern“, die „Unsrigen“, ausgenommen. Ich stelle an mir selber fest, wie hartnäckig solche Vorstellungen in tiefster Seele verharren, schier in Stein gemeisselt oder in Beton gegossen. Da muss man viele Male „übers Eck“ bretteln, gelegentlich (aber Vorsicht: langsam! zentimeterweise) die Distanz erhöhen. Die böse Welt – das gefährliche Element Wasser, in dem man nur untergehen kann – ist sie nicht das Schöpfungswerk? Die verlorene Menschheit – gibt es da nicht einen Erlöser, einen Erlösungsplan? Indem wir uns in diesen einfügen, an diesem mitwirken, tun wir auch Gutes für die eigene Seele. Eine ganz neue Perspektive auf unser Seelenheil.

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